Es ist leider kein Aprilscherz, sondern für einige Menschen bittere Realität: Mit dem heutigen Tag hat Ganderkesee einen Arzt weniger vom „alten Schrot und Korn“. Wie heißt ein Schlager so schön: „Jeder Weg hat mal ein Ende“ und für Dr. Rainer Brockmeyer (64) ist jetzt der berufliche Weg zu Ende.

„Ich habe immer gesagt: Gibt es jemanden, der meinen Part in der Praxis übernehmen kann, dann ziehe ich mich zurück“, erzählt der Chirurg. Mit Dr. Sebastian Kowsky hat das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) Ganderkesee jetzt einen Nachfolger gefunden. Auf dem Hinweisschild am Eingang dieser Praxisgemeinschaft ist der Name Dr. Brockmeyer schon nicht mehr aufgeführt.

„Wehmut ist bei meinem Abschied schon dabei“, gesteht Dr. Brockmeyer. Allerdings steht er dem neuen Kollegen noch hilfreich zur Seite, bis er in einigen Wochen dann sein Skalpell und seinen Arztkittel endgültig zur Seite legen wird.

Aufgewachsen ist Rainer Brockmeyer in Paderborn (Nordrhein-Westfalen). „Die meiste Zeit haben wir Kinder miteinander Fußball gespielt und das Spielfeld war unsere Straße.“ Aber nicht nur das Bolzen machte ihm Spaß, sondern auch die Musik hatte es ihm angetan. Mit neun Jahren sang er im Kirchenchor, lernte Klavier und spielte später auch bei Gottesdiensten die Kirchenorgel. Während seine Klassenkameraden auf Rock’n’Roll standen, hatte Rainer Brockmeyer schon immer eine Vorliebe für die klassische Musik.

Was er einmal beruflich machen wollte, darüber machte er sich selbst auf dem Gymnasium noch keine großen Gedanken. Durch einen schweren Unfall mit 16 Jahren und nach einem daraus resultierenden Krankenhausaufenthalt wurde ihm klar, was er wollte. „Ich will Arzt werden“, das stand für ihn fest. Durch den schon damals bestehenden Numerus clausus begann er jedoch zunächst nach dem Abitur ein Studium der Landwirtschaft in Göttingen, was ihn ebenfalls interessierte. Als Quereinsteiger wechselte er dann 1977 zum Medizinstudium an die Universität nach Münster.

Die Chirurgie mit der konservativen und operativen Therapie hatte es ihm besonders angetan. Im Klinikum in Detmold machte er den Sprung vom Assistenz- zum Oberarzt. Hier musste der junge Mediziner sich mit harten Fällen auseinandersetzen, wenn bei einer Operation zum Beispiel zu erkennen war, dass keine Hilfe mehr möglich ist, und nur ein Satz fiel: „Wir machen wieder zu!“

„Gerade bei jüngeren Patienten hat mich so eine Situation nicht kalt gelassen. Ein Patient ist für mich nie nur eine Nummer, denn überall hängt auch eine Familie dran“, erklärt Dr. Brockmeyer. „Rückblickend muss ich sagen, dass mich die Zeit in Detmold geprägt hat“ – beruflich aber auch privat. In Detmold lernte er seine spätere Ehefrau kennen. Mittlerweile ist das Ehepaar Brockmeyer getrennt und die beiden gemeinsamen, erwachsenen Kinder gehen ihre eigene Wege.

Nach seiner Zeit in Detmold arbeitete Dr. Brockmeyer noch drei Jahre an der Unfallklinik in Hameln. Sein größter Wunsch war es schon immer, als selbstständiger Chirurg zu arbeiten. Dazu bot sich die Gelegenheit in Ganderkesee an der Bergedorfer Straße.

Den Eröffnungstag am 2. Januar 1994 und die ersten Monate danach wird Dr. Brockmeyer wohl nie vergessen. „Die erste Zeit war sehr hart, denn man brauchte scheinbar keinen chirurgischen Arzt. Man kannte es auch nicht, denn so eine Praxis gab es vorher in Ganderkesee nicht“, erzählt Dr. Brockmeyer. Es gab Tage, da konnte er die Patienten an einer Hand abzählen.

Seine Ausdauer sollte sich lohnen, denn immer mehr Patienten fanden den Weg in die Praxis. Einige seiner Patienten sind noch heute in seinem Gedächtnis fest verankert. Oft hat er den Patienten auch noch nach der Behandlung mit Rat und Tat zur Seite gestanden. „Sie sind ein Doktor mit Herz“, meinte einmal eine Dame zu ihm.

Da seine beiden Kinder sich beruflich anders orientierten, machte sich Dr. Brockmeyer schon längere Zeit Gedanken, wie es mit der Praxis einmal weitergehen würde. 2016 bezog er das neue Ärztehaus an der Grüppenbührener Straße und war bis jetzt mit weiteren Kollegen im MVZ tätig.

Ein Spruch besagt: „Wenn eine Tür sich schließt, öffnet sich eine andere!“ So wird es auch bei Dr. Brockmeyer sein. „Ich möchte an der Uni in Bremen Philosophie und Kunstgeschichte studieren, das interessiert mich besonders.“ Dazu möchte er einige Reisen nachholen, zum Beispiel nach Italien.

Beim Abschied von Dr. Brockmeyer frage ich noch nach einem Rat für junge Ärzte. „Respekt vor den Menschen und Respekt vor den großen und auch den kleinen Krankheiten!“ Seine Patienten werden Dr. Brockmeyer vermissen.

Dr. Rainer Brockmeyer,Chirurg aus Ganderkesee – ab heute im Ruhestand geht

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