Stenum Als Chantal Bausch ihr Spenderherz erhielt, war sie gerade einmal zwölf Jahre alt. Mit elf Jahren habe sie die Diagnose bekommen, dass ihr Herz irreparabel geschädigt sei, berichtete sie am Freitagabend bei einer Podiumsdiskussion im Hotel Backenköhler in Stenum. Heute lebt die 26-jährige Bremerin ein normales Leben: Sie studiert und ist eine erfolgreiche Feldhockey-Spielerin.

Was sagt die Betroffene?

Chantal Bausch machte klar, dass das gespendete Herz für sie der einzige Ausweg gewesen sei. Vor der Transplantation war sie an ein Kunstherz angeschlossen. Danach habe sie sich ganz normal gefühlt: „Es fühlt sich nicht komisch oder anders an“, schilderte sie. Doch die junge Frau empfindet große Dankbarkeit für die Angehörigen des jungen Mannes, dessen Herz sie bekam: „Es liegt mir sehr am Herzen, der Familie zu zeigen, was sie mir ermöglicht haben.“

Was sagt die Politikerin?

Wenn es nach den Zahlen geht, die die CDU-Bundestagsabgeordnete Astrid Grotelüschen den rund 70 überwiegend älteren Zuhörern präsentierte, haben immer weniger Patienten die Chance auf ein Spenderorgan. Demnach gab es im Jahr 2018 fast 10 000 Menschen, die auf ein Organ warteten. Dem hätten rund 3100 postmortal gespendete Organe gegenüber gestanden. Seit 2010 habe sich die Zahl der transplantieren Organe kontinuierlich abgesenkt. Grotelüschen stellte die Gesetzesentwürfe zur Organspende vor, über die aktuell diskutiert wird. Zurzeit gibt es die Entscheidungslösung, bei der man sich einen Organspendeausweis besorgen kann oder die Angehörigen entscheiden müssen. In vielen europäischen Ländern greift laut Grotelüschen dagegen die Widerspruchslösung, bei der jede volljährige Person automatisch Organspender ist – es sei denn, es liegt ein Widerspruch vor.

Was sagt der Notfall-Arzt?

Doch alle Formalitäten helfen nicht, wenn ein Mensch nach einem Unfall mit schwersten Verletzungen in die Notaufnahme eines Krankenhauses eingeliefert wird. Es gebe ein großes Nicht-Wissen darüber, wann Organe entnommen werden könnten, sagte Dr. Klaus-Peter Hermes, Leiter der Notaufnahme am Klinikum Bremen-Mitte. „Ein Organ kann nur entnommen werden, wenn das Herz noch schlägt.“

Bei einem Schwerverletzten, dessen Hirn unwiederbringlich geschädigt ist, müssen die Ärzte entscheiden, ob der Patient als möglicher Organspender auf die Intensivstation verlegt wird. „Wir haben im Schockraum in der Regel eine Stunde Zeit“, sagte Hermes. Zu wenig, um mit Angehörigen über den Willen des Schwerverletzten zu sprechen. „Mit beiden Gesetzeslösungen ist uns nicht geholfen“, sagte der Intensivmediziner. „Wir müssen eigentlich wissen, was der Patient will.“ Hermes forderte deshalb ein Register aller Organspender, auf das Ärzte zugreifen können.

Was sagt die Urologin?

Oberärztin Dr. Cornelia Sobel führt Nierentransplantationen durch und betreut Patienten, die eine Niere benötigen. In Bremen seien 150 Patienten auf der Warteliste, sagte die Urologin am Transplantationszentrum des Klinikums Mitte. Wenn die Nachricht kommt, dass eine Spenderniere zur Verfügung steht, entscheidet sie, ob das Organ mit dem Körper eines Patienten zusammenpasst. Auch die Betroffenen müssen schnell eine Entscheidung treffen: Es komme auch vor, dass sich jemand gegen ein Spenderorgan entscheide, sagte Sobel.

Die Medizinerin schilderte, was ihre Arbeit ausmacht: Es sei schön zu sehen, wie die Niere nach der Transplantation im Körper anfange zu arbeiten. „Es macht Freude, Patienten zu sehen, die davon profitieren.“ Alle Experten auf dem Podium forderten zum Thema Organspende mehr Aufklärung, die schon in den Schulen beginnen müsse.

Was sagt der Bischof?

Weniger Spender

Nach Zahlen der Deutschen Stiftung Organspende, die Astrid Grotelüschen vorstellte, wurden laut Warteliste Ende des vergangenen Jahres 9697 Organe benötigt. Das meistgesuchte Organ ist die Niere, gefolgt von Leber, Herz, Lunge und Bauchspeicheldrüse. Mehr als 7500 Nieren wurden benötigt, dem standen rund 1600 Spendernieren gegenüber – darunter auch Lebendspenden.

Der schriftliche Wille zur Organspende liegt bei 17,6 Prozent der Bevölkerung in Form von Spenderausweis oder Patientenverfügung vor. Die Bereitschaft geht zurück: Wurden 2010 noch 2516 Organe transplantiert, waren es 2018 nur 1949.

In der Diskussionsrunde wurde außerdem klar, dass sich Menschen beim Thema Organspende mit ihrem eigenen Tod auseinandersetzen müssen. Wichtig sei, mit dem Angehörigen über Tod und Sterben zu sprechen, sagte Thomas Adomeit, Bischof der ev.-luth. Kirche Oldenburg. „Damit ich weiß, was er wollte, auch wenn es bedeutet, dass er seine Organe nicht spenden möchte.“ Für Adomeit ist der Begriff „Spende“ und damit die Freiwilligkeit wichtig. Er sprach sich gegen die Widerspruchslösung aus, grundsätzlich befürwortet er die Möglichkeit der Organspende aber. Als Pastor habe er die Hoffnung, dass er auch unvollkommen vor seinen Herrgott treten könne, selbst wenn Leber oder Nieren fehlten. „Sonst müsste ich gegen jede Feuerbestattung sein.“

Nach der Diskussion gaben Zuhörer ihre zumeist positive Haltung zum Thema wieder. Doch auch einige Organspende-Gegner waren eigens aus anderen Regionen angereist.

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Antje Rickmeier Redakteurin, Agentur Schelling / Redaktion Ganderkesee
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