BERGEDORF Wolle freut sich über ein wenig Abwechslung. An einem sonnigen Nachmittag steht ein Fototermin mit seiner Reiterin Sandra Auffarth auf dem Springplatz des Ausbildungsstalls Auffarth in Ganderkesee-Bergedorf an. Der rückt den neunjährigen französischen Fuchs-Wallach endlich wieder in den Mittelpunkt des Geschehens. „Er fand es nicht gut, dass ich zuletzt an den Wochenenden mit anderen Pferden losgefahren bin und er im Stall bleiben musste“, erzählt Sandra Auffarth. Der letzte Aufritt der beiden war fast acht Wochen her, er war allerdings ganz groß: Die 24-Jährige und Wolle gehörten zur Equipe, die am Sonntag, 28. August, in Luhmühlen bei der Europameisterschaft der Vielseitigkeitsreiter die Goldmedaillen erhielt. Erst zum zweiten Mal nach 1973 gewann ein deutsches Team den EM-Titel.

„Es kam überraschend, dass Sandra schon in diesem Jahr so stark geritten ist“, sagt Hans Melzer, Bundestrainer der Vielseitigkeitsreiter, über die Jüngste in seinem Team. „Wir kannten sie natürlich. Sie stand seit Jahren im Perspektivkader.“ Ein Grund für die Leistungsexplosion sei Wolle. „Sandra hat gemerkt, mit diesem Pferd geht alles.“

Erster Vier-Sterne-Ritt

Im vergangenen Juni absolvierte Auffarth, die für den RV Ganderkeseer antritt, in Luhmühlen ihren ersten Wettkampf auf Vier-Sterne-Niveau. Weltweit gibt es nur sechs Prüfungen mit diesem Schwierigkeitsgrad. Hinter Andreas Dibowski, Teamolympiasieger 2008, wurde sie Zweite und sicherte sich einen Platz auf der Longlist für die Europameisterschaft. Fußballer würden sagen: Sie stand im EM-Kader.

Auffarth und Wolle trumpften bei der EM also auf. Und wie. Außer dem Mannschaftsgold gewannen sie die Silbermedaille im Einzel.

Wolle alias Wolfgang alias Opgun Louvo hat seit dem 28. August „Urlaub“. Sie arbeite zwar jeden Tag mit ihm, das sei aber aktive Erholung, erzählt Auffarth. Sie gönnte sich nach der EM keine längere Pause, sondern stieg wieder in die Arbeit auf dem Hof ihrer Eltern Bärbel und Karl-Heinz Auffarth ein. Ihre Terminplanung für die Zeit nach dem 28. August musste sie allerdings für Feiern, Ehrungen und Pressetermine ändern. „Da kam schon sehr viel. So etwas habe ich noch nie erlebt.“ Die Begeisterung ist inzwischen kleiner geworden, sie ist aber noch da. „Ich kriege jeden Tag Fanpost“, sagt Auffarth. „Das ist schön.“ Sie sagt aber auch: „Ich wollte nie ein riesengroßer Popstar werden. Ich habe viel dafür investiert, so weit zu kommen. Ich weiß aber, dass es Rückschläge geben kann.“

Auf dem Hof ihrer Eltern hatte sie immer Kontakt zu Pferden. „Als Kinder haben wir aber mehr mit ihnen rumgespielt.“ Einmal pro Woche bekam sie von ihrer Mutter Unterricht. Ihre Eltern waren im Springsport aktiv. Natürlich nahmen sie ihre Tochter mit zu Turnieren. Die ritt mit vier Jahren in der Pony-Führzügelklasse zum ersten Mal um die Schleifen, mit denen Sieger und Platzierte ausgezeichnet werden. Sie brachte immer mehr davon mit nach Hause. Auf dem Pony Faryno wurde sie zweimal Landesmeisterin im Springen.

Es habe sich „einfach so ergeben“, dass sie Vielseitigkeitsreiterin wurde. „Meine Eltern haben Wert darauf gelegt, dass ich eine breite Ausbildung erhalte. Es gab kein Schlüsselerlebnis.“ Die ersten Wettbewerbe ritt Auffarth auf Faryno, wurde später Vizelandesmeisterin. „Ich habe mir dann das Ziel gesetzt, mit ihm einmal die Goldene Schärpe zu gewinnen.“ Die geht an den Sieger der Bundesveranstaltung der jüngsten Reiter. Das gelang. „Und dann ging es einfach so weiter.“ So weiter, das war auch Rang sechs bei der ersten DM (2000). „Dort habe ich viel gelernt“, erinnert sie sich. „Dass du frech sein und dich durchsetzen musst.“

Sie setzte sich durch, es ging weiter nach vorn. Das war ohne Unterstützung der Eltern nicht möglich. Den Takt bestimmte Sandra Auffarth aber selber. „Vor der ersten Drei-Sterne-Prüfung habe ich mir mit meiner Mutter die Geländestrecke angeguckt“, erzählt sie. „Ich habe bei jedem Hindernis gesagt: Ja, das kriegen wir hin. Meine Mutter schwieg. Hinterher hat sie mir verraten, dass sie das nicht geglaubt hat. Den Ritt habe ich ohne Fehler geschafft.“

Auf Faryno startete Auffarth bis sie 15 Jahre alt war. Damit stand der Wechsel zu den Junioren und auf ein Pferd an. „Ich wollte in der Vielseitigkeit bleiben. Auf der Suche habe ich bei uns im Stall geguckt. Dort stand Carlos. Ich fing an, mit ihm zu arbeiten.“ Sie bildete den Oldenburger zu einem sehr guten Vielseitigkeitspferd aus. „Er hat alles mitgemacht. Es war schön, mit ihm zu reiten.“ 2004 wurde sie in ihrem letzten Jahr als Juniorin auf Carlos Deutsche Vizemeisterin.

Erster DM-Titel

Zwölf Monate später feierte Auffarth den Sieg, der für sie einer ihrer schönsten ist. In Hohenberg-Krusemark gewann sie die DM der Jungen Reiter. „Das war ein Erfolg wie die EM-Medaillen. Es war meine erste DM bei den Jungen Reitern. Keiner hat mit mir gerechnet. Die Saison war durchwachsen verlaufen. Und dann werden wir einfach so Deutsche Meister.“

Auffarth erhielt das Angebot, in die Perspektivgruppe Vielseitigkeit der Reiterlichen Vereinigung in Warendorf zu gehen. 2006 verließ sie Bergedorf. Im Bundesleistungszentrum begann sie eine Ausbildung zur Pferdewirtin. „Das Ziel aller, die dort sind, ist es, Profi zu werden. Trotzdem wird Wert darauf gelegt, dass man sich ein berufliches Standbein schafft.“

Alle Mitglieder der Gruppe gehen für drei Monate nach England. Auffarth war Anfang 2008 dort, arbeitete mit Chris Bartle, einem international erfolgreichen Trainer. „Das war eine super Erfahrung. Gerade für das Gelände habe ich viel mitgenommen. In England ist die Vielseitigkeit eine ganz andere Welt. Ihre Bedeutung ist viel, viel größer.“

Auffarth hält inne. „Das hört sich an, als sei das eine Karriere aus dem Bilderbuch“, sagt sie dann. „Aber es war nicht immer einfach. In England hat sich ein Pferd verletzt. Auch sportlich lief es nicht gut“, erzählt sie. Unterkriegen ließ sie sich nicht. „Ich habe viel für mein Leben gelernt.“ Überhaupt, 2008 war ein Lehrjahr. „Ich bin öfter vom Pferd geflogen.“ Irgendwann ging es aufwärts, und das Jahr endete mit einem Erfolg. In Schenefeld gewann sie eine Drei-Sterne-Prüfung.

2009 wurde sie mit Carlos bei ihrer ersten Senioren-DM Fünfte. Aber: „Es war klar, dass er keine Vier-Sterne-Prüfungen gehen kann.“ Die zu reiten, war inzwischen ihr Ziel. Mit wem, war schnell klar. 2007 war Wolle nach Warendorf gekommen, um von Auffahrt ausgebildet zu werden. Unter ihrer Anleitung wurde er immer besser. Im Lauf des Jahres 2010 übernahm er die Nummer eins.

Auffarth beendete die Ausbildung zur Pferdewirtin und begann direkt danach eine zur Sport- und Fitnesskauffrau. „Ich wollte noch etwas anderes machen. Das war immer mein Plan. Studieren wollte ich nicht.“ Auch der zweite Beruf war zielgerichtet gewählt. „Da ich in den Betrieb meiner Eltern einsteigen wollte, dachte ich mir, dass kaufmännische Kenntnisse nicht schaden können.“

Im Februar 2011 war es soweit: Sandra Auffarth kehrte nach Bergedorf zurück. „Die meiste Büroarbeit übernimmt erfreulicherweise meine Mutter“, sagt sie über ihren Tagesablauf. „So kann ich mehr Zeit mit den Pferden verbringen.“ Die widmet sie nicht nur Wolle. Mit Begeisterung bildet sie viele Jungpferde aus.

Sie ist noch oft in Warendorf. Dort arbeitet sie mit der Dressurreiterin und -trainerin Carola Koppelmann. „Sie ist mein Vorbild in der Dressur“, erzählt Auffarth. „Ich bin fasziniert davon, wie sie mit Pferden umgeht. Ich habe alleine vom Zuschauen ganz viel gelernt.“ Auch für das Springtraining gibt es einen Experten: Stephan Geue aus Hude. Aber apropos Vorbild. „William Fox-Pitt“, antwortet Auffarth. „Wie er sich auf einem Pferd ausbalancieren kann, ist phänomenal“, sagt sie über den Weltranglistenersten.

Am 28. August, in Luhmühlen, gratulierte Fox-Pitt der 24-Jährigen, die fünf Plätze vor dem Briten platziert war. „Das war cool.“

Null Fehler bei der EM

Das Wort „cool“ benutzt der Bundestrainer nicht, wenn er über Auffarth spricht. „Sie ist eine Ruhige“, sagt Melzer. „Aber das macht ihre Stärke aus. Sie ist mental sehr stark.“ Bei der EM ging Auffarth als zweite Reiterin des Teams ins Gelände. „Sie musste, nach dem Ausfall des ersten Pferdes, ein Ergebnis liefern“, berichtet Melzer. Auffarth kam ohne Strafpunkt ins Ziel. Die Equipe blieb in Führung und verteidigte sie im Springen. Auch dank einer Null-Fehler-Runde von Auffarth. „Nervosität ist für sie ein Fremdwort“, ergänzt Melzer seine Charakterisierung. Hat sie auch Schwächen? „Jeder kann sich immer verbessern.“ Eigentlich dürfe er das ja nicht sagen, fährt der Trainer fort. „Aber wenn man ehrlich ist, muss man zugeben, dass sie im Moment kaum Schwächen hat. Ich hoffe, das bleibt so.“

Dazu passt, dass sich Auffarth nicht auf eine Lieblingsdisziplin festlegt. „Ich reite gerne die Dressur“, sagt sie. „Natürlich springe ich für mein Leben gern, und der Geländeritt ist der aufregendste Teil.“ Die Kombination macht die Faszination aus. „Die kann man schwer beschreiben. Alle Disziplinen mit einem Pferd zu bewältigen, das ist toll.“

Melzers Hoffnung gilt natürlich für Auffarths ganze Karriere. Zunächst aber für 2012. In London finden die Olympischen Spiele statt. „Die EM war ein Test“, sagt der Bundestrainer. Seit dem Vier-Sterne-Ritt habe festgestanden, dass Auffarth im EM-Team steht. Es sei ein Unterschied, ob ein Reiter auch Verantwortung für andere trägt oder nur für sich verantwortlich ist. „Wir wollten sehen, wie sie sich schlägt“, so Melzer. Bravourös. „Souveräner ging es nicht.“ Das führte dazu, dass der Name Sandra Auffarth wieder auf einer Longlist steht. Ob sie in London reitet, ist aber offen. „Klar, der Eindruck von der EM ist wichtig. Er ist aber kein Freifahrtschein. Alle fangen wieder bei Null an“, sagt Melzer.

Aufregende Saison

Auffarth spürt, dass die EM ein großer Sprung für sie war. „Mein Glück ist, dass meine Karriere oft locker voranging. Ich hatte Ziele und konnte gucken, was geht. Jetzt ist es nicht mehr so locker.“ Jeder spreche von den Olympischen Spielen. Und von ihrem möglichen Start. „Ich weiß aber, was alles passieren kann. Ich habe auch weiter meine Ziele. Das Beste ist, dass ich weiß, dass ich ein super Pferd habe. Wir werden alles versuchen.“

Wolles Urlaub ist zu Ende. Im Winter steht Dressur- und Springtraining an, um im Frühjahr gut vorbereitet in eine aufregende Saison zu gehen. An dem sonnigen Nachmittag ist ihm anzumerken, dass er sich darauf freut. Das gilt auch für seine Reiterin. „Es macht einfach Spaß mit ihm. Er kämpft immer mit.“

Sandra Auffarth gewann mit Opgun Louvo bei der Europameisterschaft in Luhmühlen Gold mit der Mannschaft und Silber im Einzel. Außer der Ganderkeseerin gehörten Ingrid Klimke (Münster) mit Abraxxas, Michael Jung (Horb) mit Sam und Andreas Dibowski (Döhle) mit Fantasia zur der siegreichen Equipe.

Bereits bei den Jungen Reitern war Auffarth bei einer Europameisterschaft gestartet. 2006 und 2007 gewann sie mit Carlos und Nobel Prince Bronze im Team. Ebenfalls Bronze gewann sie 2009 mit Opgun Louvo bei der WM der Jungen Vielseitigkeitspferde.

Deutsche Meisterin der Jungen Reiter wurde Auffarth 2005 und 2007 mit Carlos. Auf ihm gewann sie 2004 bei den Junioren die Silbermedaille. 2006 und 2007 siegte sie mit dem Oldenburger im Preis der Besten (Junge Reiter). Die DM 2011 der Reiter beendete sie mit Parancs auf Rang acht.

Die Vielseitigkeit ist der Mehrkampf der Pferdesportler. Eine Prüfung setzt sich aus den Teilen Dressur, Geländeritt und Parcoursspringen zusammen.

Die offizielle Bezeichnung ist „Concours complet“ (CC). Der Schwierigkeitsgrad wird mit Sternen gekennzeichnet. Die EM wurde auf Drei-Sterne-Niveau (CCI***) geritten.

Seit 1912 ist die Vielseitigkeit eine olympische Disziplin. In Stockholm wurde Schweden erster Mannschaftsolympiasieger.

Lars Pingel Lokalsport / Redaktion Wildeshausen
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