Harpstedt Auf dem Weg runter in den Keller ist es, als wäre die Zeit stehen geblieben: Es riecht nach alten Möbeln und verstaubten Sitzbezügen. Das Licht kommt von den Lampen, die an der holzverkleideten Decke hängen, und durch die bunten Gläser in den Fensterscheiben. Der grüne Teppich scheint auch schon lange hier zu liegen. Aber in dem Kegelraum des Hotels „Zur Wasserburg“ in Harpstedt lebt eine Geschichte auf, denn hier trifft sich seit 1972 der Kegelclub Delme.

Alte Arbeitskollegen

„Mit 18 Leuten sind wir angefangen. Wir waren Arbeitskollegen, kommen alle aus der Straßenmeisterei“, beginnt der Harpstedter Jürgen Meyer zu erzählen. Er ist von Beginn an dabei und ist der Kegelvater der Gruppe. Heute sind sie noch elf, vier Gründungsmitglieder seien noch dabei. „Alle zwei Wochen haben wir abends zusammengesessen“, berichtet der 73-Jährige und trägt eine Punktzahl auf einem Zettel ein. Neben dem Kegelsport hätten sie auch viele Ausflüge gemacht, in den Schwarzwald, nach Dresden oder Berlin. „Wir haben schöne Jahre zusammen gehabt“, stimmt die 80-jährige Margreth Haake zu.

Der Kegelclub im Keller, er steht fast sinnbildlich für das, was im Kegelsport schon seit Jahren passiert: Mitgliederrückgang, Schließungen, ausbleibender Nachwuchs. Diese Erfahrung macht auch Uwe Veltrup, der für das Marketing des Deutschen Kegler- und Bowlingverbundes (DBK) zuständig ist. Seit dreißig Jahren zeige die Mitgliederstatistik des nationalen Sportbundes einen Mitgliederschwund auf. Seien im Jahr 1990 insgesamt 200 000 Frauen, Männer und Jugendliche im DBK gewesen, gebe es heute nur noch etwa 80 000 Mitglieder. Ein Grund dafür: fehlende Sportstätten. „Immer mehr Gasthäuser in ländlichen Regionen mit Kegelbahnen schließen die Türen.“ Die Konsequenz daraus sei, dass nicht mehr modernisiert werde. „Ein Teufelskreis“, sagt Veltrup.

Auch für das Hotel „Zur Wasserburg“ in Harpstedt würde sich eine Modernisierung der Kegelbahn nicht lohnen, sagt Hotelchef Michael Grohe. „Wir kriegen hier keine jungen Leute mehr rein.“ Sei die Bahn in den 80er und 90er Jahren bis zu drei Mal am Tag belegt gewesen, käme sie heute nur noch auf wenige Reservierungen in der Woche. 25 Clubs kegeln noch regelmäßig bei ihm. Zwar, schätzt der 48-Jährige, seien in den vergangenen drei Jahren etwa drei Clubs dazugekommen. Der Grund dafür sei aber, dass andere Kegelbahnen schließen.

„Es wird weniger“, so sein Fazit, „immer mehr Clubs steigen aus und es kommen keine nach.“

Kleingeld klirrt auf einem Teller. Jeder Pudel, also jeder fehlgeschlagene Wurf, kostet zehn Cent. „Wir kegeln noch, um fit zu bleiben“, sagt eine 85-jährige Schulbergerin. „Und um Spaß zu haben und zu schnacken.“ Doch die Treffen sind weniger geworden. Einmal im Monat kegelt der Club jetzt, mittlerweile mittags. Man werde älter.

Ein verändertes und vor allem flexibel gehaltenes Freizeitverhalten ist ein weiterer Grund für den Rückgang der Kegelclubs, meint Hotelchef Grohe. „Das Arbeitsleben ist anders, es gibt mehr Angebote und die jungen Leute wollen sich nicht mehr so festlegen.“ Zwar seien hin und wieder noch junge Gruppen da, „die überlegen sich das dann aber spontan, zu Geburtstagen beispielsweise.“

Seit Jahren fester Termin

Im Gegensatz dazu hat der Termin beim Kegelclub Delme seit Jahrzehnten einen festen Platz im Kalender. Neben dem sportlichen Aspekt ist es die Geselligkeit, um die es geht. Irgendwann wird auch dieser Club aufhören. „Aber“, sagt Kegelvater Meyer, „wenn wir nicht mehr kegeln, werden wir uns trotzdem weiter treffen.“ Viele sind schon nicht mehr dabei, andere kommen gelegentlich, aber noch hält in Harpstedt der Delmeclub das Kegeln hoch.

Nina Janssen Volontärin, 3. Ausbildungsjahr / NWZ-Redaktion
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