Ganderkesee Rolf Stiening ist von dem Miteinander ganz angetan: „Abends bringt Hani mir immer einen besonderen Tee.“ Auch ein Pizzabrot nach einem Rezept aus seiner syrischen Heimat habe der 21-Jährige schon gebacken. Von der berüchtigten „Männerwirtschaft“ keine Spur. Alles sei wie in einer normalen Familie, sagt Stiening, der im Herbst vergangenen Jahres die Flüchtlinge Hani Al Mohraji und seinen Bruder Mohammad (10) in seinem Haus aufgenommen hat.

Die Brüder haben eine wahre Odyssee hinter sich gebracht, bevor sie in Ganderkesee eine neue Heimat fanden. Die Familie – dazu gehören auch Vater Omar, Mutter Dina und Bruder Hossein (16) – floh vor den Bürgerkriegswirren aus der syrischen Hauptstadt Damaskus zunächst nach Sidon (Libanon). Dort habe er als Bäcker gearbeitet und in einem Flüchtlingslager bei der Lebensmittelausgabe geholfen, erzählt Hani. Die Familie palästinensischer Herkunft wurde abgeschoben. Der 21-Jährige zeigt seinen syrischen Pass: Unter „Staatsangehörigkeit“ stehen dort drei Kreuze – als Palästinenser gilt er in Syrien als „staatenlos“.

1800 Dollar an Schlepper

Im Juni 2015 machen sich Hani und sein Bruder Mohammad auf die Flucht Richtung Europa. Zu Fuß durch die Türkei und dann mit dem Schlauchboot durch die Ägäis, um die griechische Insel Lesbos zu erreichen. 1800 Dollar habe der Schlepper pro Person verlangt. Ein Mitreisender hat alles mit dem Handy gefilmt. Hani zeigt das Video aus dem vollgepfropften Boot. Als die griechische Wasserschutzpolizei den Kahn aufbringt, springt Hani, ein guter Schwimmer, ins Meer, um zu vermitteln. Über die sogenannte Balkan-Route flüchten die Brüder nach Ungarn. Von dort geht es nach Passau (Bayern). Nach vier Wochen Flucht kommen sie im Durchgangslager Friedland an. Weil Hani und Mohammad einen Onkel in Ganderkesee haben, schicken die Behörden sie in die Gantergemeinde.

Im Haus dieser Familie habe es Platzmangel gegeben, berichtet Astrid Fuchs, Projektleiterin der Bürgerstiftung Ganderkesee für die Flüchtlingshilfe. Rolf Stiening (75) erklärt sich bereit, die Brüder aufzunehmen. „Ich habe den Platz und möchte nicht, dass sie in einer Massenunterkunft leben müssen“, sagt er. In seinem Haus haben beide ein eigenes Zimmer, Bad und eine kleine Küche. Sie helfen fleißig mit bei der Haus- und Gartenarbeit.

Die Integration verlaufe problemlos: Der zehnjährige Mohammad besucht die 4. Klasse der Grundschule Dürerstraße. Er spielt Fußball, Handball, geht schwimmen und besucht einen Malkursus bei Dr. Wiebke Steinmetz. „In Mathe ist er richtig gut“, verrät Astrid Fuchs. „Es ist kein Krieg, und ich habe viele Freunde“, sagt Mohammad. Stolz zeigt er sein rotes Armband mit dem Schriftzug von Real Madrid und einen Trainingsanzug. Keine Frage, dass „seine Mannschaft“ die Champions League gewinnt.

Kein Geld fürs Studium

Hani besucht die Sprachklasse an der Berufsschule in Wildeshausen. Später möchte er „irgendetwas mit Sport“ machen; am liebsten Fitness-Kaufmann. In Syrien hat er das Abitur gemacht, doch das Studium konnte ihm sein Vater, der in der Verwaltung eines Krankenhauses arbeitet, nicht finanzieren. „Ich möchte, dass er eine Ausbildung macht“, hat Stiening bereits bei der Berufsberatung der Arbeitsagentur einen Termin vereinbart. Hani hat ein Bleiberecht bis 2019; gleichzeitig bestellten ihn die Behörden zum Vormund seines Bruders.

In Deutschland fühlen sich die Mohrajis sehr wohl: „Alles ist gut, nur nicht das Wetter“, lacht Hani. Oft telefonieren er und sein Bruder mit der Familie in Syrien. Rolf Stiening feierte mit seinen neuen Mitbewohnern Weihnachten. „An dem Truthahn haben wir mehrere Tage gegessen“, sagt er. Mit den Nachbarn rutschte man ins neue Jahr. Hani hat sich vor zwei Monaten das Rauchen abgewöhnt. Weil Mohammed noch minderjährig ist, soll in Kürze ein Ausreiseantrag für die Eltern und den Bruder aus Syrien gestellt werden. Hani möchte aber am liebsten weiterhin bei Rolf Stiening wohnen.

Stefan Idel Redakteur / Landespolitischer Korrespondent
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