KIRCHHATTEN Kurz zuvor hatten sie sich noch lachend gegenseitig mit Wasser bespritzt, nur wenig später lauschen sie gespannt und mit großen Augen den Erzählungen von Almut Steenken. Deren Stimme stockt immer wieder und überschlägt sich teilweise, als sie den Kirchhatter Vorkonfirmanden von ihren Erlebnissen am 4. Juni 1941 erzählt. Almut Steenken war damals gerade neun Jahre alt, als alliierte Flieger Brandbomben auf ihr Elternhaus in Schohusen warfen.

„Der ganze Himmel war hell erleuchtet. Mein Vater wollte die Pferde aus dem Stall jagen, aber die liefen immer wieder rein“, erinnert sich Almut Steenken mit Tränen in den Augen. Es ist nur eine von vielen Einzelheiten aus dem zweiten Weltkrieg, die sie, ihr Mann Ernst sowie Heinz Müller und Walter Schwarzer auf Einladung von Pastor Jürgen Menzel den 38 Jugendlichen, die im Frühjahr 2012 konfirmiert werden, erzählen.

Flucht nach Hatten

„Mit dem Projekt wollen wir dafür sorgen, dass in den Köpfen hängen bleibt, dass wir immer alles tun müssen, dass es keinen Krieg gibt. Wir müssen die Erinnerung wachhalten“, erklärt Christa Kiesel, die Jürgen Menzel wie ihre Kirchenrats-Kollegen Anke Braun und Heinz-Dieter Cordes bei der Aktion unterstützt.

„Bei solchen Projekten bleibt einfach mehr hängen als im normalen Unterricht“, erklärt Jürgen Menzel, der mit seinen Schützlingen bis zur Konfirmation verschiedene Aktionen wie zum Beispiel auch ein Altenheim- oder ein Bratapfel-Projekt macht.

Seit 2002 putzen die jeweiligen Vorkonfirmanden regelmäßig die Grabsteine auf dem Soldatenfriedhof vor der St.-Ansgari-Kirche. Anschließend bringt Jürgen Menzel die Jugendlichen mit Zeitzeugen aus dem zweiten Weltkrieg ins Gespräch. Auch diesmal stellen die Jugendlichen, nachdem sie zuvor mit Bürste und Wassereimer die Grabsteine gereinigt hatten, den Zeitzeugen viele Fragen zum Krieg, natürlich insbesondere auch zum Soldatenfriedhof.

Heinz Müller kann sich noch genau daran erinnern, wie er am 21. Juni 1945 aus der Gefangenschaft zurück nach Kirchhatten kam und genau in dieser Zeit der Friedhof vor der St.-Ansgari-Kirche entstand. Es sind insgesamt 70 Gräber, in denen Soldaten bestattet wurden, die kurz vor dem Kriegsende im April 1945 innerhalb weniger Tage rund um Kirchhatten gefallen waren. „Sie wurden zunächst nur notdürftig irgendwo verscharrt, aber später an diesem Ort zusammen beerdigt“, erzählt Müller.

Walter Schwarzer berichtet von seiner Zeit bei der Luftwaffe und von der Gefangenschaft. „Eineinhalb Jahre war ich in Amerika, zwei Jahre in England“, erzählt der gebürtige Schlesier, der bis kurz vor seiner Rückkehr nach Deutschland nicht wusste, wohin es seine Eltern verschlagen hatte: „Dann erfuhr ich kurzfristig, dass sie nach der Vertreibung nach Hatten gekommen waren.“

„Einfach unerklärlich“

„Ich hoffe, dass wir solche Erfahrungen hier in Deutschland niemals wieder machen müssen – möglichst auf der ganzen Welt“, meint Anke Braun. „Es ist nicht selbstverständlich, dass wir im Frieden leben – das muss uns allen klar sein“, sagt Jürgen Menzel zu seinen Schützlingen, die nach den Schilderungen der Zeitzeugen sichtlich bewegt wieder nach Hause gehen.

Einzig Felix Bliefernich bleibt noch ein wenig länger. „Warum konnte es nach dem schrecklichen ersten Weltkrieg auch noch zu einem zweiten kommen“, fragt er die Zeitzeugen. Die versuchen zwar, eine Antwort zu geben, richtig erklären können sie es Felix aber auch nicht. Dass Menschen zu so etwas fähig sind, sei, sagt Almut Steenken, „einfach unerklärlich“.

Jan-Karsten zur Brügge Redakteur / Sportredaktion
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