Wardenburg „Wir hatten noch so viel vor“, sagt Gerda* (*Namen geändert). Es ist dieser Satz, der das Leben auch der anderen Angehörigen von Demenzkranken beschreibt, die sich zum Gesprächskreis in der Tagesbetreuung der Diakonie am Brooklandsweg getroffen haben. Ein Satz, in dem Enttäuschung mitschwingt, Machtlosigkeit und eine große Traurigkeit. Nicht nur darüber, dass die gemeinsamen Pläne über den Haufen geworfen worden sind, sondern auch darüber, dass es dieses „Wir“ nicht mehr auf jene Weise gibt, die jahrzehntelang Gültigkeit hatte.

Freiraum schaffen

Einmal im Monat treffen sich die Angehörigen zum Gesprächskreis. Maria* versorgt ihre an Demenz erkrankte Schwiegermutter, bei den anderen drei Frauen, die heute dabei sind, ist es der Ehemann, den die Krankheit getroffen hat. Edeltrauds* Mann bleibt noch allein zu Hause – auch wenn sie dabei immer seltener ein gutes Gefühl hat. Die Ehemänner der beiden anderen sind zur Tagesbetreuung im Nachbarraum. „Es ist ganz wichtig, die Probleme mal loszuwerden“, sagt Carola Lankenau, Leiterin der Betreuungsstätte. Erfahrungen und hilfreiche Tipps austauschen, über Sorgen und die tägliche Belastung sprechen können und Verständnis zu finden – das ist es, was die Gruppenmitglieder hier suchen. „Der Freundeskreis zieht sich zurück, wenn die Diagnose Demenz kommt“, so Gerdas Erfahrung. „Damit mag sich keiner gern auseinandersetzen.“ Das bedeutet für viele Betroffene, dass nicht nur der an Demenz erkrankte Angehörige als Gesprächspartner ausfällt, sondern gleichzeitig das vertraute soziale Netz nicht mehr trägt.

„Mein Mann konnte zu Hause immer alles“, erzählt Hildegard*. „Wenn ich ihm jetzt einen Hammer in die Hand drücken würde, hätte er keine Ahnung mehr, was das überhaupt ist – geschweige denn, was er damit machen sollte.“ Sie versucht, ihren Mann so häufig wie möglich miteinzubinden. „Eigentlich nehme ich ihn überall mit hin“, erzählt sie. Den Freiraum, den ihr die Tagesbetreuung verschafft, möchte sie dennoch nicht missen.

Zeit für sich selbst zu nehmen, sei ausgesprochen wichtig, betont auch Grit Morbitzer von der AOK. Sie leitet den Gesprächskreis gemeinsam mit Carola Lankenau. „Kein Mensch kann eine 24-Stunden-Pflege leisten“, macht sie deutlich. Dennoch schwingt in den Gesprächen immer wieder mit: Jede der Angehörigen hat ein schlechtes Gewissen, den Partner betreuen zu lassen – und sei es nur für wenige Stunden am Tag. „Mein Mann möchte eigentlich in seinen vertrauten vier Wänden bleiben“, bringt es Hildegard auf den Punkt. „Aber wenn er hier bei uns ist, dann ist er immer ganz zufrieden“, versichert Carola Lankenau. Und auch Hildegard selbst spürt, dass ihrem Mann die Betreuung guttut und er fröhlich ist, wenn sie ihn abends wieder in Empfang nimmt. Doch das schlechte Gewissen bleibt.

„Die Angehörigen stellen die eigenen Bedürfnisse völlig zurück. Das ist ein schleichender Prozess, den man selbst gar nicht wahrnimmt. Entsprechend schwierig ist es, die Zeit, die man hat, wenn der Partner in der Tagesbetreuung ist, plötzlich wieder zu nutzen“, weiß Carola Lankenau.

Tipp aus Gesprächskreis

Jede Geschichte ist individuell. Und doch gibt es viele Parallelen: Die Wut des demenzkranken Partners, der spürt, wie hilflos er plötzlich ist und dagegen aufbegehrt, die Ungeduld aufseiten des pflegenden Angehörigen, alles wieder und wieder erklären zu müssen, die Last, auf einmal für alles allein verantwortlich zu sein. „So stellt sich niemand das gemeinsame Altwerden vor“, fasst es Grit Morbitzer in Worte. „Jeder wünscht sich doch, Sicherheit zu haben im Alter und zusammen Dinge unternehmen zu können.“ Zumindest verreisen will Edeltraud demnächst noch mit ihrem Mann. In mehreren Urlaubsregionen Deutschlands gibt es die Möglichkeit, gemeinsam mit dem demenzkranken Partner Ferien zu machen. Während dieser betreut wird, kann Edeltraud endlich mal wieder ein bisschen die Seele baumeln lassen. „Ganz allein am Strand spazieren gehen, ohne für jemanden verantwortlich zu sein und aufpassen zu müssen, dass er sich nicht verläuft – darauf freue ich mich“, sagt sie. „Und der Tipp“, fügt sie hinzu, „kam hier aus der Runde.“

->  Der Gesprächskreis trifft sich wieder am Mittwoch, 29. August, um 15 Uhr. Weitere Teilnehmer sind willkommen.

Anke Brockmeyer Redakteurin / Reportage-Redaktion
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