Neerstedt Die „Leipziger Pfeffermühle“: Sie ist am Samstag scharf gewürzt gewesen. Es war kein einfacher Genuss aus einer Comedyküche, den das renommierte Kabarett den 125 Gästen in der Neerstedter Bühne servierte. Hier wurde kein Leipziger Allerlei angerichtet, leicht verdaulich und garantiert ohne Nebenwirkungen. Vielmehr boten Franziska Schneider, Matthias Avemarg und Michael Rousavy klassisches Kabarett mit Pointen, die mitunter bis in die Magengrube knallten, so bitter waren sie.

„Agenda 007“: Bei diesem Titel war die Startnummer fast zu erwarten. Zur James-Bond-Melodie „For your eyes only“, begleitet mit E-Piano und Trompete, geht es in die Welt des Verfassungsschutzes. „Schwarzsehen und Hellsehen“ sei die Aufgabe, verkündet der Mitarbeiter. „Halten sie sich an den Fachbegriff: Prognose“, korrigiert der Chef die zweite Angabe.

Überwachung überall: Das ist die Agenda in Deutschland, und nicht nur bei Gefährdern und Islamisten. Wenn die Helikoptereltern jeden Schritt verfolgen und am Ende jubeln, dass ihr zwölfjähriger Sohn allein den Schulweg geschafft hat, dann ist der Wahnsinn alltäglich. Im Schrebergarten rast der deutsche Ordnungssinn nur so über den syrischen Ankömmling hinweg. Im Verhör wird der rechte Molotowwerfer aus ehemals Döbeln an seine sprachlichen Grenzen in meisterlicher Manier gebracht.

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Nach der Pause nehmen sich Avemarg und Schneider das Publikum vor. Ausgefallene Heizung und Neerstedt-Bezüge sorgen für die lockerste Phase und schallendes Gelächter. Frage ans Publikum: „Wer nutzt öffentliche Verkehrsmittel?“ Avemarg meint dazu nur: „In Neerstedt? Die U-Bahn?“ – der Saal tobt. Sie sagt: „Wenn ich mit Ihnen verheiratet wäre, hätten Sie Gift im Kaffee.“ Er entgegnet: „Wenn wir verheiratet wären, würde ich ihn trinken.“

Danach geht es weiter mit starken Nummern, alle präzise gespielt und textlich auf den Punkt gebracht. Wie Rousavy den Wutbürger gibt, ist grandios und entlarvt diesen so dauerhaft stänkernden Typus genial. Die Videokameras, die Sicherheit vorgaukeln, ein Rechtsstaat, der teilweise hilflos dasteht, Bürger, die nur sich selbst sehen: Auf dem OP-Tisch der Agenda 007 wird alles seziert. Und mancher Schnitt tut richtig weh.

Beklemmend: der pflegebedürftige Opa, der aus finanziellen Gründen besser ein KZ-Täter als ein Opfer (Kommunist) gewesen wäre. Es gebe nämlich mehr Geld für Täterhinweise, so die Logik der Kinder. Da ist es still im Theater.

„Da kann man nichts machen“, ist laut „Chef“ der erfolgreiche Satz eines Karriere-Beamten. So trichtert er es den Untergebenen ein. Stimmt nicht ganz: Man kann die Finger in die vielen Wunden legen und Menschen mit Witz und Schärfe zum Nachdenken anregen. Den Leipzigern ist das gelungen. Starker Applaus am Ende eines bemerkenswerten Abends.

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Ulrich Suttka Stv. Redaktionsleitung, Großenkneten/Dötlingen / Redaktion Wildeshausen
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