Hatten /Wardenburg /Oldenburg Eine neue Sprache sprechen, fremde Kulturen kennenlernen, den eigenen Horizont ein wenig erweitern. Wer kennt solche guten Vorsätze für ein neues Jahr nicht?

Zwei Schülerinnen der Graf-Anton-Günther-Schule haben dies – unabhängig vom Jahreswechsel – bereits in die Tat umgesetzt: Mailin Herbrechtsmeier (19, Hatten) und Felicia Blum (15, Wardenburg). Hier erzählen sie, was sie motiviert und wie es ihnen bislang ergangen ist.

Felicia Blum

„Ich lebe seit Anfang September in Lublin (mit über 340 000 Einwohnern die neuntgrößte Stadt des Landes – die Redaktion). Sprachkenntnisse hatte ich vorher fast keine. Jetzt habe ich jede Woche vier Stunden lang Sprachunterricht, zusätzlich zum normalen Lehrstoff am „Prywatne Gimnazjum und Liceum im. Ignacego Jana Paderewskiego“, mit dem das Landkreisgymnasium seit einigen Jahren eine enge Partnerschaft pflegt.

Ich lebe in der Familie meiner „Gastschwester“ Gabriela Krochmalska (15). In der Schule sind wir aber nicht immer zusammen. Der Unterricht findet in einer Mischung aus Klassenverbänden und Kursen statt. Wenn mir etwas unklar ist, kann ich meine Lehrer auch auf Englisch fragen. Im Vergleich zu Deutschland schreiben wir viel mehr Tests, dafür gibt es überhaupt keine mündlichen Noten.

Das Verhältnis zu unseren Lehrern ist ausgesprochen herzlich, die Schultage ungewohnt lang. Sie beginnen um 8 und enden erst gegen 17 Uhr. Den Stoff, den ich bis zum nächsten Sommer dennoch versäume, kann ich wegen meiner guten Noten problemlos nachholen, ist der Partnerschaftskoordinator der GAG, Niels-Christian Heins, überzeugt.

Völlig neu ist unser Nachbarland Polen für mich nicht mehr. Ich habe bereits fünfmal in verschiedenen Gastfamilien gelebt, allerdings immer nur eine Woche lang. Ich wollte einfach mal etwas Neues ausprobieren, man hört in Deutschland doch sehr wenig über unser östliches Nachbarland.

Den Kontakt zu meiner Familie und zu Freunden in Wardenburg halte ich über Skype und WhatsApp. Später, nach dem Abitur, möchte ich gerne Jura studieren, vielleicht als Anwältin arbeiten oder in der Politik.“

Mailin Herbrechtsmeier

„Ich habe 2018 mein Abitur an der GAG gemacht. Im September 2018 habe ich ein Visum für die Ukraine beantragt. Ohne das geht es nicht, wenn man wie ich fast ein Jahr dort leben will. Menschen und Kultur kennenzulernen, war mein Ziel. Ich bin der Meinung, dass in Deutschland viel zu wenig über die slawisch-sprachigen Länder bekannt ist.

Gelebt und gearbeitet im Auftrag der Evangelischen Freiwilligendienste habe ich in Ivanychi, einem Dorf, etwa so groß wie Sandkrug. Anders als zuhause waren dort Wasser- und Stromausfälle keine Seltenheit. Einmal kam für drei Tage kein Wasser aus den Leitungen! Die Menschen dort haben auch keinen Supermarkt zum Einkaufen, es fährt überhaupt kein Bus. Selbst der Zug fährt maximal mit 40 km/h, man muss viel Geduld haben.

Trilaterale Schulprojekte

Die Graf-Anton-Günther-Schule pflegt eine trilaterale Partnerschaft mit dem Prywatne Gimnazjum und Liceum im. Ignacego Jana Paderewskiego“, einer Privatschule in Lublin, sowie seit 2018 auch mit dem Akademischen Gymnasium Lwiw (Lemberg) in der Ukraine.

Koordinator ist Niels-Christian Heins (Hatterwüsting). (Ex-)Schüler wie Felicia Blum und Mailin Herbrechtsmeier, die beide in Zukunft an Partnerschaftstreffen in den Ferien als Teamer mitarbeiten wollen, seien „ein Geschenk für uns“, sagt der Gymnasiallehrer.

Unterstützung erhält das Landkreisgymnasium vom Deutsch-Polnischen Jugendwerk, dem Außenministerium und dem Förderverein der GAG, der allen Schülern eine Teilnahme ermöglicht.

Der nächste Termin ist ein MINT–Projekt mit dem Gymnasium Lwiw in den Osterferien (April 2020). Es folgt Ende Mai „MINT und more“ mit der Schule aus Lublin. Für die Herbstferien ist eine Teamer-Schulung für Schüler aus allen drei Ländern geplant.

Sehr beeindruckt hat mich, wie lebensfähig die Menschen dort sind. Sie lassen sich längst nicht so schnell wie in Deutschland bei Alltagsproblemen aus der Ruhe bringen. Auch dass es im Winter eigentlich nur Kartoffeln, Zwiebeln, rote Beete und Kohl gibt, war für mich schon ungewohnt. In Sandkrug habe ich bei Edeka Uphoff an der Kasse gejobbt, der Unterschied beim Warenangebot ist schon krass.

Im Juli 2019 bin ich zurückgekommen, um zu studieren. Meine Zeit in der Ukraine werde ich nicht vergessen: die Kindersozialstation „Nezabudka“, das heißt so viel wie Vergiss-mein-nicht, wo ich mich um benachteiligte Kinder gekümmert habe. Meine erste Sprachlehrerin Yevheniia Radkevych, die ich über die Ländliche Erwachsenenbildung kennengelernt habe und die meine Freundin geworden ist.

Das selbstständige Leben in Ivanychi, wo ich in einer Wohnung über der Sozialstation untergebracht war und mich selbst um Wäsche und Essen kümmern musste, hat mir Erfahrungen mitgegeben, die jetzt im Studium wertvoll sind. Ich studiere in Leipzig Politik und russische Sprache. Später möchte ich gerne Entwicklungsprojekte oder die Internationale Zusammenarbeit mitgestalten. “

Werner Fademrecht Hatten / Redaktion Wardenburg
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