Ganderkesee Wer Platt kann, braucht nicht viele Worte, um durch die Welt zu kommen. Yared Dibaba weiß das nur zu gut: Der Moderator, Entertainer und Autor aus Hamburg, geboren in Äthiopien, aufgewachsen in Falkenburg und am Freitagabend mal wieder zu Gast in seiner alten Heimat Ganderkesee, hat Plattschnacker rund um den Globus besucht.

Dass er bei seiner weihnachtlichen Lesung in der Tischlerei Sandkuhl auch Einheimischen noch Nachhilfe in Plattdeutsch geben muss, irritiert ihn zwar scheinbar, aber er weiß ja Rat: „Moin reicht doch schon“, ermuntert Dibaba die eine Besucherin, die auf seine Frage, wer kein Platt verstehe, zaghaft den Finger hebt (und das vielleicht sofort bereut, weil sie ab da regelmäßig im Fokus steht). „Jo“ könne man auch immer sagen. Und wer am Ende noch ein „Nützt ja nix“ einsetzt, beherrsche die Konversation auf Platt schon nahezu perfekt.

Dass die Menschen im Norden nicht die Redseligsten sind, kommt Dibaba sehr entgegen, nicht nur für die kleinen Witze zwischendurch. Es lässt ihm vor allem viel Raum und Zeit für sein eigenes Talent zum Schnacken und Sabbeln. Dieser Norddeutsche macht – zum Glück – viele Worte, braucht ansonsten aber nicht viel zur munteren Unterhaltung: eigentlich nur ein Mikrofon. Und einen Stuhl noch, dann kann er sich zwischendurch mal setzen. Ein Kaffee wäre auch gut – allein schon für den Witz: Wie der Kaffee denn sein solle, habe ihn neulich in Hamburg-Altona, wo er wohnt, die Frau hinterm Tresen von Starbucks gefragt. „Wie ich“, habe er gesagt. Die Dame hakte nach: „Schwarz?“ – „Nee, ohne Haare!“

Dass seine Hautfarbe und sein Faible fürs Plattdeutsche auf den ersten Blick nicht zusammenpassen, ist für den Nachfahren vom Volk der Oromo, dessen Familie 1979 nach Falkenburg kam, eine willkommene Grundlage, um Zuhörer und Leser erst recht zu begeistern. „Swatt und Platt“ heißt auch sein aktuelles Buch: Um daraus zu lesen, ist er schließlich gekommen.

Ehe es soweit ist, vergehen aber 50 Minuten und die Pause steht schon kurz bevor. Bis dahin schnackt Yared Dibaba in einer Tour, scheinbar beiläufig und spontan, immer mal wieder grüßt er alte Bekannte, greift dann und wann doch mal zum Buch, um angeblich endlich mit dem Lesen zu beginnen, dann schweift er wieder ab, sinniert über kleine und große Fragen des Lebens, macht zwischendurch aus einem Zungenbrecher mal eben einen Hip-Hop-Song und preist vor allem permanent die Vorzüge der plattdeutschen Sprache. Allein schon für die Wettervorhersage: „Schietwetter“ könne er im Fernsehen locker sagen, so der NDR-Moderator, aber wenn seine Kollegin in der Tagesschau das auf Hochdeutsch versuchen würde, wäre sie ihren Job los.

Kurz gesagt: Yared Dibaba, der doch lesen wollte, sabbelt sich ganz vergnügt durch den Abend – und hält dabei mehrere hundert Gäste in der voll besetzten Werkstatt der Tischlerei Sandkuhl bei feinster Laune. Immer wieder glucksen und klatschen sie, aber Dibaba braucht das gar nicht. Er weiß ja: „Norddeutsche Ekstase geht nach innen.“ Und irgendwann schließlich kommt er doch noch zum Lesen. Nützt ja nix.

Hergen Schelling Leitung / Redaktion für den Landkreis Oldenburg
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