Ganderkesee Er könnte ja längst die Rente genießen, mit seiner Frau verreisen, den Betrieb ganz seinem Sohn überlassen. Aber nein: „Ich fahre nicht in Urlaub, das habe ich noch nie gemacht“, winkt Herbert Dietrich ab. „Und Rentner möchte ich eigentlich gar nicht werden.“ Im Grunde könnte er sogar aufs Wochenende verzichten: „Ich kann es gar nicht erwarten, dass es wieder Montag wird“, sagt der Steinmetz und Steinbildhauer aus Ganderkesee.

Acht Monate gelernt

Es ist nicht zu überhören, dass hier einer in seiner Arbeit aufgeht. Kein Workaholic, der sich und anderen was beweisen müsste, sondern einer, der einfach liebt, was er macht, seit 51 Jahren. Einer, der nicht aufhören mag, zu schaffen – und zu lernen: In einem Alter, in dem andere Menschen die Schule höchstens zum Klassentreffen nach 50 Jahren besuchen, hat Herbert Dietrich noch einmal über acht Monate die Schulbank gedrückt, Woche für Woche von montags bis freitags, insgesamt 1200 Unterrichtsstunden. Am Ende bestand er im Stein-Fortbildungszentrum Wunsiedel die Prüfung mit der Abschlussnote 1,2 als Jahrgangsbester. Jetzt darf sich der Steinmetz und Steinbildhauer mit 67 Jahren endlich auch Restaurator nennen.

Das hat er sich sehr lange gewünscht. Schon als junger Mann sei er fasziniert gewesen von der Arbeit der Restauratoren, besonders in alten Kirchen, erzählt Dietrich. „Aber entweder war keine Zeit da oder kein Geld.“ Erst vor zwei Jahren, als er den Betrieb im Gewerbegebiet Bookhorn bei seinem Sohn Marcel in besten Händen wusste, reiften die Pläne – und waren auch die Mittel vorhanden: Insgesamt habe ihn die Fortbildung mit allen Unterbringungs- und Materialkosten rund 42.000 Euro gekostet, berichtet der Ganderkeseer – die 33.000 Kilometer, die er zwischen September 2017 und März 2018 sonntagnachts ins bayrische Wunsiedel und freitagabends wieder zurück gefahren ist, sind nicht mal eingerechnet.

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Ältester und Jüngster

Anstrengend war’s, aber Spaß gemacht hat’s auch – besonders der Vergleich mit dem Nachwuchs. „Die anderen Schüler dachten: Was will denn der Alte hier?“, erzählt Herbert Dietrich lächelnd. „Beim ersten Mal hat mein Sohn mich hingebracht, da glaubten alle, er würde dableiben.“ Musste der aber nicht. Marcel Dietrich hat die Restaurator-Prüfung in Wunsiedel schon 2011 bestanden – noch ein bisschen besser sogar als der Vater: Dass der Junior in zwölf der 13 Prüfungsfächer eine Eins und sonst nur noch eine Zwei hatte, während er selber neben zwölf Einsen eine Drei in Stillehre bekam, wurmt den Senior nicht wirklich. Rekordmarken gesetzt haben beide in anderer Hinsicht: „Ich war der älteste Teilnehmer, der sich in               Wunsiedel jemals zum Restaurator ausbilden ließ – und Marcel war mit 23 Jahren der jüngste“, weiß Herbert Dietrich.

Arbeit mit Ehrfurcht

Mittlerweile hat der Ganderkeseer schon einige Restaurierungsaufträge ausgeführt: In Hurrel und Brettorf arbeitete er an Kriegsdenkmalen, in Harpstedt besserte er die alte Friedhofsmauer aus. Dabei habe er versucht, Abnutzungsspuren der vergangenen Jahrhunderte in dem neuen Material nachzubilden, berichtet Dietrich. „Als Restaurator kann man die Dinge nicht erledigen, wie man selber es will“, erklärt er, „sondern wie die Baugeschichte es vorgibt.“ Der Restaurator setzt auch keine modernen Maschinen ein, sondern arbeitet mit Werkzeug, das auch vor hunderten Jahren bereits eingesetzt wurde. „Was die Kollegen damals erschaffen haben“, so Dietrich, erfülle ihn mit Ehrfurcht. „Das muss man würdigen, indem man es erhält.“ Oder nachbildet, denn was unwiederbringlich zerstört ist, muss der Restaurator reproduzieren.

Auch noch Pläne

Herbert Dietrich will sich langsam aus dem Grabmale-Geschäft zurückziehen und sich mehr aufs Restaurieren verlegen. Und noch weiter lernen: Der 67-Jährige kann sich vorstellen, auch noch die Fortbildung zum Restaurator für das Stuckateurhandwerk zu absolvieren. Selbst Freskenmalerei traut er sich zu. „Ich habe noch so viele Pläne“, kündigt Dietrich. Und jetzt hat er endlich die Zeit, sie zu verwirklichen.

Hergen Schelling Leitung / Redaktion für den Landkreis Oldenburg
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