Ganderkesee Was macht ein Kabarettist, der Stress und Zeitdruck zur Geißel der Menschheit erklärt? Na klar: Er lässt sein Publikum genüsslich warten und kommt erst mit zehn Minuten Verspätung auf die Bühne. Henning Schmidtke, so schien’s, lieferte am Donnerstagabend die erste Pointe schon ab, noch ehe er die Mensa am Steinacker betreten hatte. Nur war’s ein unfreiwilliger Witz: Der Mann stand tatsächlich im Stau.

Und den machte er dann auch gleich zum Thema: „Sechs Monate unseres Lebens stehen wir im Stau“, wusste der 45-Jährige. Genauso viel Zeit verbringe der Mensch auf dem Klo. „Wenn wir beides kombinieren könnten, wären wir fein raus“, folgerte Schmidtke.

Mehr aus seiner Zeit machen und das Warten als Chance begreifen, Ruhe und Gelassenheit pflegen statt Hast und Getriebenheit: Das predigte Henning Schmidtke in seinem Programm „Hetzkasper“ 90 Minuten lang den gut 70 Zuhörern in der Mensa. Singend und spielend am Klavier, sabbelnd und sogar schweigend am Mikrofon. Immer jedenfalls lustig, oft hintersinnig, manchmal bissig, gelegentlich auch mal zotig – kurzum: höchst amüsant.

Einwilligung und Werberichtlinie

Ja, ich möchte den täglichen NWZonline-Newsletter erhalten. Meine E-Mailadresse wird ausschließlich für den Versand des Newsletters verwendet. Ich kann diese Einwilligung jederzeit widerrufen, indem ich mich vom Newsletter abmelde (Hinweise zur Abmeldung sind in jeder E-Mail enthalten). Nähere Informationen zur Verarbeitung meiner Daten finde ich in der Datenschutzerklärung, die ich zur Kenntnis genommen habe.

Schmidtkes kabarettistisches Feindbild ist die Leistungsgesellschaft, die dem Motto „Zeit ist Geld“ huldigt. Exemplarisch sei das „Leistungsfernsehen“ von heute mit seinen Casting-Shows: „Früher hatten wir Ilja, den Richter – heute haben wir Bohlen, den Henker!“

Oder der Leistungssport, der nach Schmidtkes Ansicht nach völlig falschen Kriterien bewertet wird. Schließlich hätten „sämtliche Olympiasieger im Speerwerfen noch nie was getroffen.“ Suspekt sind ihm Leistungsträger wie die 400-Meter-Läufer, die eine ganze Runde durchs Stadion hetzen, nur um dort wieder anzukommen, wo sie schon waren: „Würden sie stehen bleiben, wär’s die selbe Leistung“, findet der Kabarettist. Für ihn ist „Leistung das, was ich dazu erkläre“ – und nicht „Arbeit durch Zeit“, wie die Wissenschaft Leistung definiert.

„Alles muss beschleunigt werden – das ist doch absurd“, klagte Schmidtke und verordnete sich selbst erstmal eine Entschleunigung. „Ich red’ so schnell, ich hab jetzt genug gesagt“, befand er nach einer halben Stunde, setzte sich auf einen Stuhl – und schwieg. Nur weil das Publikum sich, wie er glaubte, „nicht getraut hat, diese Stille anzunehmen“, machte Schmidtke nach einiger Zeit doch weiter.

Und das war gut so. Verpasst hätten die Ganderkeseer sonst nämlich viel zu viel Heiteres wie Gescheites: Seine sinnigen Reime am Klavier („Aus jedem Schaden wird man klug, drum ist einer nicht genug“), seinen Wortwitz („Nach dem Coffee-to-go kommt der Coffee-to-run“) oder seine laut beklatschten Stimmenparodien von Lindenberg bis Grönemeyer, dem er Weihnachts-Lieder andichtete wie „Betlehem, ich komm aus Dir“ oder „Gebt dem Christkind das Kommando“.

Er mag das Wort nicht gern hören, aber Henning Schmidtke hat sich in Ganderkesee als echter Leistungsträger der Kleinkunst erwiesen.

Hergen Schelling Leitung / Redaktion für den Landkreis Oldenburg
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.