Bookholzberg Es surrt etwas, wenn Nicole Engelen an einem vorbei läuft – aber die 23-Jährige strahlt über das ganze Gesicht. Kein Wunder, denn seit dreieinhalb Jahren sitzt die junge Aachenerin im Rollstuhl. Grund ist ein Impfschaden, den sie nach einer Tetanus-Impfung davontrug – und trotzdem läuft sie am Freitagvormittag beim Tag der offenen Tür über das Gelände des Berufsförderungswerkes „INN-tegrativ“ in Bookholzberg.

Den leicht surrenden Gang verdankt Nicole Engelen einem so genannten Exoskelett, ein mit Motoren und Sensoren ausgestatteter „Harnisch“ für die Beine. Exoskelette werden sonst zur Arbeitserleichterung oder zu Therapiezwecken eingesetzt – die Firma ReWalk bietet aber Modelle für den Alltag an. „Ich nenne ihn Johnny“, sagt Nicole Engelen über ihr Exoskelett.

Mehr Lebensqualität

Ein Modell der sechsten Generation stellte Andree Bolte (Firma ReWalk) am Freitag in Bookholzberg vor. Gehen, Stehen, Aufstehen, Hinsetzen, Treppensteigen: Was für die meisten Menschen ganz normal ist, ist für Querschnittsgelähmte unmöglich. Hier kann das Exoskelett die Lösung sein – und Lebensqualität sowie „Normalität“ schenken. „Ich kann meinen Freund im Stehen küssen!“, sagt Nicole Engelen auf die Frage, wo sie besonders an Lebensqualität gewonnen habe und strahlt wieder über das ganze Gesicht. „Und ich muss mir nicht mehr die ganze Zeit Hintern angucken. Das nervt mich am Rollstuhl wirklich.“

Langer Prozess

Auch, dass sie in der Küche wieder alles erreichen kann, erfüllt Nicole Engelen mit einer sichtbaren Freude. Als sie lernte, mit dem Exoskelett zu laufen, gab es auch eine „Supermarkt“-Übung, in einem Laden für Tiernahrung. „Ich hätte einfach alles kaufen wollen, nur weil ich eigenständig rankommen konnte“, erinnert sie sich.

Dass die 23-Jährige, die gerade ihr Abitur macht, zumindest für mehrere Stunden am Tag – das Exoskelett wird mit Akkus betrieben, die drei Stunden Dauerbetrieb leisten können – wieder laufen kann, ist das Ergebnis eines langen Prozesses. Sowohl für die Entwickler als auch für die „Re-Walker“, wie Andree Bolte sie nennt.

Große Herausforderung

Die Firma „ReWalk“ wurde 1999 in Israel gegründet, ist mittlerweile in amerikanischer Hand und bietet seit 2012 Exoskelette an, mit denen Querschnittsgelähmte unter bestimmten Voraussetzungen wieder laufen können. Das müssen sie dann aber tatsächlich wieder lernen: die Gewichtsverlagerung von rechts nach links, das richtige Setzen der Stützen und vor allem das Gleichgewicht zu halten. „Das ist besonders schwer“, sagt Andree Bolte. Ohne Rückmeldung aus Beinen und Füßen sei Gleichgewicht eine große Herausforderung. „Zu Anfang war das wirklich schlimm“, erinnert sich auch Nicole Engelen.

Das Exoskelett bedeutet derweil keine Heilung, sondern nur eine Hilfe – und kann auch nicht von allen Querschnittsgelähmten genutzt werden. Es gibt Größen- und Gewichtsbegrenzungen und auch die Arme müssen noch voll funktionsfähig sein – denn ohne Stützen funktioniert es nicht. „Das System ist nicht wie ein Segway, der sich selbst einpendeln kann, so dass man nicht nach vorne fällt“, erklärt Bolte und fügt hinzu: „Noch geht das nicht.“

Steuerung über Uhr

Über eine Uhr muss Nicole Engelen die Grundfunktionen steuern. Mit verschiedenen Tasten kann sie zwischen Stehen und Gehen oder Treppensteigen und Hinsetzen/Aufstehen wechseln. Verschiedene Geh-Geschwindigkeiten sind nicht möglich – aber Nicole Engelen stört das wenig, zu groß sind die Vorteile. „Auch viele der sekundären Krankheiten, wie chronische Blasenentzündung, sind weg“, freut sie sich. Die Kosten für das Exoskelett, immerhin rund 120 000 Euro zuzüglich der Therapiekosten, zahlt übrigens die Krankenkasse. „Aber 10 Euro muss man zuzahlen“, sagt Nicole Engelen – und muss lachen.

Claus Arne Hock
Volontär, Agentur Schelling
Redaktion Ganderkesee
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