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Schönemoor /Hude Nadia Hareau-Lew kann ihr Glück kaum fassen: Auf der Suche nach den Spuren ihrer Eltern, die im Zweiten Weltkrieg in der früheren Gemeinde Schönemoor Zwangsarbeit leisten mussten, hat die Australierin innerhalb weniger Tage tief bewegende Erkenntnisse gewonnen. Sie traf Zeitzeugen, fand die Höfe, auf denen ihre Eltern untergebracht waren, und erlebte ein emotionales Wiedersehen nach 74 Jahren.

Bei ihrem ersten Besuch am 8. Mai (die NWZ berichtete) hatte Nadia Hareau-Lew nur die ungefähren Stationen ihres französischen Vaters Joseph Marie Hareau und ihrer russischen Mutter Vera Krasnonosova entdeckt. Ohne es zu ahnen, stand die 74-Jährige aber schon am vergangenen Mittwoch nur 20 Meter entfernt von dem Hof, wo sich das Lager ihres Vaters befand.

Hof neben alter Schule

Hinweise nach den ersten Zeitungsberichten und weitere Recherchen von Gemeindesprecher Hauke Gruhn führten schnell zu einem Ergebnis: Der Vater Joseph muss als französischer Kriegsgefangener auf dem damaligen Hof Nullmeyer, direkt neben dem früheren Schul- und heutigen Kindergartengebäude in Schönemoor, interniert gewesen sein. Die heutigen Besitzer Dagmar und Werner Krause erzählten Nadia Hareau-Lew und deren Freundin Claude Privat, die sie auf der Europareise begleitet, von der Geschichte des inzwischen nicht mehr landwirtschaftlich genutzten Hofes.

Demnach war das Ehepaar Charlotte und Hermann Nullmeyer aus Bremen nach Schönemoor gezogen und hatte schon deshalb keinen leichten Stand. „Erschwerend kam hinzu, dass sie ein jüdisches Hausmädchen beschäftigten“, weiß Werner Krause, der 1945 als Flüchtlingskind nach Schönemoor gekommen war und später im Hochbauamt der Gemeinde Ganderkesee arbeitete. Am 20. Juni 1935 forderte eine Gruppe Schönemoorer, angestachelt vom NS-Ortsgruppenleiter, mit Gewalt die Herausgabe des „Judenmädchens“ und verschleppte es.

Foto liefert Beweis

Wohl im Lichte dieser Vorgeschichte ist es zu verstehen, dass ausgerechnet auf dem Hof Nullmeyer französische Kriegsgefangene interniert wurden, die aber nicht für diese Familie arbeiteten, sondern auf Höfen in der Umgebung. Untergebracht waren sie in einem Schweinestall, der bis heute existiert. Werner Krause hat ein Foto von dem Hof aus der Kriegszeit: Darauf ist klein, aber gut leserlich der Hinweis auf das Kriegsgefangenenlager „Stalag XC Kommando 1215“ zu sehen. „Das ist der Beweis dafür, dass mein Vater hier von 1940 bis 1945 gewesen ist“, sagte Nadia Hareau-Lew sichtlich gerührt. Später am Tag erfuhr sie, dass sie als Baby gegen Kriegsende selbst einige Zeit mit ihrer Mutter Vera, die auf einem Betrieb in der Nähe arbeitete, und ihrem französischen Vater Joseph auf dem Hof Nullmeyer zugebracht haben muss.

Nach den Zeitungsberichten über die bewegende Familiengeschichte meldete sich auch Ilse Heitzhausen bei der Gemeinde. Ihr Vater Theo Lüschen sei damals zeitweise als Wachmann für das Lager auf dem Hof der Nullmeyers zuständig gewesen, erzählt sie. „Mein Vater war aus gesundheitlichen Gründen vom Kriegsdienst ausgemustert worden. Daher wurde er für die Bewachung eingeteilt.“ Generell sei der Umgang mit den Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern eher familiär gewesen, so Heitzhausen.

Den Vater noch gekannt

Ein weiterer Anruf im Rathaus führte zu der wohl emotionalsten Begegnung dieser Spurensuche. Hella Behrens (86), geborene Heitshusen, aus Hude wuchs neben dem Hof Behrens bei Hoykenkamp auf, der immer wieder in alten Dokumenten von Nadia Hareau-Lew auftaucht. Hier könnte ihre Mutter gearbeitet haben. Hella Behrens’ gute Englischkenntnisse erleichterten das Gespräch mit der Besucherin aus Sydney. Sofort fanden die beiden Frauen einen Draht zueinander.

„Ich habe deinen Vater noch gut gekannt“, erzählte die jetzige Huderin ihrem australischen Gast. Er sei ein sehr netter Mann gewesen, wie ein Familienmitglied, erklärt die frühere Ganderkeseerin, die nach dem Krieg ihren Nachbarsjungen Gerold Behrens geheiratet hatte. Auch daran, dass Vera eines Tages ein Baby hatte, erinnerte sich Hella Behrens: „Meine spätere Schwiegermutter Gesine Behrens hat deiner Mutter gezeigt, wie sie dich richtig badet. Frauen aus der Gegend haben Babykleidung vorbeigebracht, es gab ja nichts.“ Wie selbstverständlich hätten damals Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter mit an einem Tisch gegessen, obwohl das unter Androhung schlimmster Strafen verboten war. „Bei einer Kontrolle wurden schnell die Tische auseinandergeschoben“, so Behrens.

Gleiche Bilder im Album

Beim Blättern in alten Fotobänden stellten Hella Behrens und Nadia Hareau-Lew fest, dass sie teilweise die gleichen Aufnahmen besitzen – darunter auch Fotos, die die in Frankreich aufgewachsene 74-Jährige nie zuordnen konnte. Für Hella Behrens indes war das ein Leichtes: „Das ist Familie Behrens Mitte der 30er-Jahre“, erzählte sie. Zu sehen sind auch ihr inzwischen verstorbener Mann und dessen Bruder Friedel, der ebenfalls vor ein paar Jahren starb. Friedels Witwe Käte Behrens aus Horst, die mit am Tisch saß, berichtete: „Mein Mann hatte bis zuletzt immer wieder bedauert, nie wieder etwas von Vera, Joseph und dem Baby gehört zu haben.“

Letzte Erinnerung

Dass statt Joseph Hareau der russische Zwangsarbeiter Yuri Bulgov der leibliche Vater von Nadia Hareau-Lew ist, war damals niemandem bekannt, erzählt Hella Behrens. Und es blieb, wie berichtet, bis 2003 ein großes Familiengeheimnis. Die letzte Erinnerung, die Hella Behrens an die Eltern und die kleine Nadia, hat: „Zum Kriegsende hat Joseph Vera und das Baby mit zu seinem Lager nach Schönemoor genommen. Von dort muss es nach Frankreich gegangen sein.“ Der Kontakt brach für 74 Jahre ab – bis vergangenen Freitag.

Nadia Hareau-Lew setzt ihre Nachforschungen zurzeit in Frankreich fort. Zurück in Australien wird sie ihre Familiengeschichte aufschreiben. Das Kapitel Schönemoor/Ganderkesee dürfte nach diesem Besuch um einiges dicker ausfallen.

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