Im Nordwesten Das Coronavirus ist inzwischen in rund 80 Senioren- und Pflegeheimen in Niedersachsen nachgewiesen worden. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums sind damit etwa vier Prozent der rund 2000 Pflegeheime betroffen. Die Bewohnerinnen und Bewohner von Altersheimen sind durch das Virus besonders gefährdet. Nach Daten des Ministeriums mit Stand Donnerstag lebten rund 40 Prozent der bislang mit dem Virus gestorbenen Menschen in einem Senioren- oder Pflegeheim. Hunderte Bewohner sowie Mitarbeiter sind erkrankt. Die Lage in den Pflegeheimen sei sehr unterschiedlich, sagte Ministeriumssprecherin Stefanie Geisler. Für die strengen Besuchsregeln will die Landesregierung künftig Ausnahmen ermöglichen.

Welche Heime sind besonders vom Virus betroffen?

Sorgen bereitet die Lage in einem Heim für Menschen mit demenziellen Erkrankungen in Wolfsburg. Mehr als 40 Menschen mit einer Coronavirus-Infektion sind dort gestorben. Zur aktuellen Zahl der Infektionen in der Einrichtung wollten Stadt und Heim zum Wochenende hin keine Angaben machen. Um eine Ansteckung zu vermeiden, sind infizierte und nicht infizierte Menschen auf unterschiedlichen Etagen untergebracht.

In einem Altersheim in Bramsche (Kreis Osnabrück) wurden jüngst rund 60 infizierte Bewohner gemeldet. Bis Freitagnachmittag waren elf positiv auf das Coronavirus getestete Menschen gestorben, wie der Landkreis mitteilte. Auch bei Pflegekräften wurde es nachgewiesen.

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Das Virus hat sich zudem in einem Seniorenheim in Wildeshausen im Kreis Oldenburg ausgebreitet. Anfang April war dort mehr als die Hälfte der rund 50 Bewohner und der rund 45 Mitarbeitenden mit dem Coronavirus infiziert. Mindestens ein Mensch starb. Um eine weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern, wurden die negativ getesteten Bewohner in ein Gästehaus nach Ganderkesee gebracht. „Die Quarantäne läuft noch bis mindestens 24. April“, sagte der Landkreissprecher Oliver Galeotti. Wie viele infizierte Bewohnerinnen und Bewohner gestorben sind, wollte er nicht sagen.

Wie hat das Coronavirus das Leben in Seniorenheimen verändert?

Das Besuchsverbot ist für Bewohner wie Angehörige schwer. Viele Heime suchen nach alternativen Möglichkeiten, damit die Menschen in der Einrichtung weiter Kontakt zu Angehörigen und Freunden haben können. „Es gibt alle möglichen Versuche, Kontakte zu ermöglichen“, sagte die Sprecherin des Diakonischen Werkes Wolfsburg, Bettina Enßlen. Sie berichtete von Gesprächen vom Balkon aus und Videotelefonie über Smartphones oder Tablets.

Um hilfsbedürftigen Menschen ohne eigenes Mobilgerät Videotelefonie zu ermöglichen, hat die Diakonie Tablets angeschafft. Gemeinsam mit dem Personal können Bewohnerinnen und Bewohner darüber telefonieren. „Sie freuen sich total“, erzählte Enßlen. Der Kontakt sei auch für die Angehörigen wichtig, denn viele hätten Angst um ihre Lieben. „Sie brauchen das Wissen, wie es den Angehörigen geht.“

Welche Lockerungen sind in Sicht?

Ausnahmen vom Besuchsverbot kann es künftig geben, wenn die Einrichtung ein Hygienekonzept nachweist, dass einen sicheren Kontakt zwischen Bewohnern und Besuchern ermöglicht. Die Diakonie in Niedersachsen findet die Lockerung richtig. Bewohnerinnen und Bewohnern von Pflegeeinrichtungen sollten die Möglichkeit bekommen, ihre Angehörige wieder zu sehen. „Pflegeheime sind keine Gefängnisse, sondern Wohnorte“, sagte der Vorstandssprecher Hans-Joachim Lenke. Um einen sicheren Kontakt zu ermöglichen, brauchen die Heime demnach aber dringend mehr Schutzkleidung.

Vor welchen Herausforderungen stehen die Pflegekräfte?

Die Ausbreitung des Virus hat die Arbeitsbelastung der Pflegerinnen und Pfleger gesteigert, wie die Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege, Birgit Eckhardt, berichtete. Wegen des Mangels an Schutzkleidung könnten sich nicht alle ausreichend schützen. „Das ist eine hohe psychische Belastung“, sagte sie. Auch der Umgang mit den Heimbewohnern habe sich verändert. „Sie müssen den Bewohnern sehr viele Ängste nehmen“, sagt Enßlen vom Diakonischen Werk über die Pflegekräfte in Wolfsburg.

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„Menschen mit demenziellen Erkrankungen reagieren auf Veränderungen oft mit Ängsten, weil sie es nicht einordnen können.“ So könne es passieren, dass ein Bewohner das Getränk von einer Pflegekraft in Schutzkleidung zunächst nicht annehmen will, weil er die eigentlich vertraute Person nicht erkennt. „Sie müssen sehr viel mehr Zeit investieren, um Überzeugungsarbeit zu leisten und Vertrauen zu gewinnen, um die Versorgung sicherzustellen.“

Können sich die Einrichtungen ausreichend schützen?

Nach Angaben der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege fehlt es in vielen Einrichtungen an Schutzmaterial. Die Organisation kritisiert zudem, dass zu wenig und oft zu spät auf das Coronavirus getestet wird. „Erst dann, wenn jemand Symptome hat, geht die Kette mit den Testungen los“, sagte Eckhardt. „Dann ist es in der Regel zu spät, weil sich die Erkrankung unter den Mitarbeitern, die über unzureichende Schutzkleidung verfügen, und unter den Bewohnern ausbreitet.“ Ob der heftige Coronavirus-Ausbruch in manchen Heimen auf Missstände in der Einrichtung zurückzuführen ist, prüfen derzeit verschiedene Staatsanwaltschaften.

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