Werden hier im Frühjahr radioaktive Abfälle umgeschlagen?
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Werden hier im Frühjahr radioaktive Abfälle umgeschlagen?

Wildeshausen Ein paar Mal klingelt es an diesem Nachmittag bei Anja Spörel an der Tür. Freunde kommen vorbei, umarmen sie, bringen Blumen mit. Alle sitzen in der Küche um einen Tisch herum und plaudern. Der Himmel draußen ist grau. Als Mario Dieringer sein Tablet zu sich zieht und einen Text öffnet, wird es still. Der Grund, weshalb sie alle hier sitzen, bei Anja Spörel am Tisch, ist im Grunde ein trauriger.

Zu fuß um die Welt

Mario Dieringer aus Offenbach am Main litt an Depressionen, die bis zum Suizidversuch führten, wie er selbst berichtet. 2016 nahm sich sein Partner das Leben. Für Dieringer ein weiterer Rückschlag. „Mit „Trees of Memory“ habe ich einen Weg aus der Depression gefunden und möchte möglichst viele Menschen daran teilhaben lassen“, sagt er.

Mit dem Projekt möchte er auf das Thema Suizid aufmerksam machen. Er läuft um die Welt, um Bäume der Erinnerungen zu pflanzen. Unter anderem für Menschen, „die ihre Hoffnung und ihren Kampf gegen die Depression verloren haben“.

Wer mehr erfahren oder Kontakt mit Dieringer aufnehmen möchte, hat auf diesen Internetseiten Gelegenheit dazu:

    www.treesofmemory.com

    www.treesofmemory-ev.com

Ein Tag zuvor: Mario Dieringer kommt bei Anja Spörel in Wildeshausen an. Seit dem 31. März ist er unterwegs. Zu Fuß. Sein Ziel: sogenannte Trees of Memory (deutsch: Bäume der Erinnerung) zu pflanzen. Er möchte damit auf das Thema Suizid aufmerksam machen. Anstoß dafür waren der Selbstmord seines Partners an Ostern 2016 – und seine eigenen Depressionen und Selbstmordgedanken.

NWZ-Artikel gelesen

Aber nicht nur das: Dieringer möchte mit Menschen über das Thema Tod ins Gespräch kommen, betroffenen Angehörigen helfen. „Mein Mann ist 2012 an Lungenkrebs gestorben“, erzählt Spörel. „2016 las ich den Artikel über Mario Dieringer in der Nordwest-Zeitung und dachte: Das ist eine tolle Idee.“ Vier Wochen habe sie überlegen müssen, gibt sie zu. Dann nahm sie Kontakt mit ihm auf. Die beiden haben sich schon mehrfach geschrieben. Jetzt fand das erste persönliche Treffen statt. „Es ist schön, sich persönlich zu sehen“, sagt Spörel. Dieringer pflichtet ihr bei. „Ich habe immer das Gefühl: Ich kenne die Leute. Wenn ich bei den Leuten ankomme, fragen sie manchmal direkt: Hast du Lust, mit auf den Friedhof zu kommen?“ Er merke: Die Trauer, das Verlieren eines geliebten, nahestehenden Menschen – das verbindet. Alles, was sich aufgestaut habe, komme dann zum Vorschein. „Und dann öffnen sich bei manchen alle Schleusen.“

Die Trauerfälle liegen dabei unterschiedlich lange zurück. Bei den einen waren es ein paar Monate, bei anderen 38 Jahre. Und bei Anja Spörel sind es mehr als sechs Jahre. „23. März 2012“, erinnert sie sich. Es habe geholfen, mit Dieringer über die Trauer sprechen zu können, sagt sie.

Sechs Bäume hatte Dieringer bisher gepflanzt. An diesem Tag kommt der siebte hinzu. Ein Ginkobaum soll im Vorgarten der Familie Spörel Platz finden.

„Das freut mich ganz besonders, weil der Ginkobaum, der 2000 Jahre alt werden kann, ein ganz besonderer Baum und mein Lieblingsbaum ist“, sagt Dieringer an Anja Spörels Söhne gerichtet. Die beiden sind elf Jahre alt.

Bevor es an die Baumpflanzung geht, hält Dieringer eine Ansprache. Er nennt es Zeremonie. Richtet sich an die beiden Jungs. Erzählt, dass auch er seinen Vater verloren habe. Dass es normal sei, neben Trauer auch Wut zu fühlen. Und dass diese herausgelassen werden muss, damit sie einen nicht von innen kaputt macht. „Ich fühle, dass unsere Väter nicht fort sind, weil: Beim Aufgang der Sonne und bei ihrem Untergang – erinnern wir uns an sie. Beim Wehen des Windes und in der Kälte des Winters – erinnern wir uns an sie. So lange wir leben, werden sie auch leben, denn sie sind nun ein Teil von uns, wenn wir uns an sie erinnern.“

Der Regen lässt gerade nach, als seine Worte gesprochen sind und alle Anwesenden nach draußen gehen, um den Ginkobaum zu pflanzen. Spörels Söhne wollen barfuß nach draußen gehen. „Wie der Papa“, sagt einer der Gäste mit einem Lächeln. Beim Baumaufstellen packen alle mit an. Mit jedem Spatenstich, so entsteht der Eindruck, wirkt die Stimmung wieder befreiter.

60 Länder besuchen

Für Mario Dieringer geht es am nächsten Tag weiter. Die Stadt Oldenburg steht auf dem Plan – eine von noch vielen Stationen, die für ihn folgen werden. Denn er möchte durch insgesamt 60 Länder laufen. Um Trauernden zu helfen. So, wie der Familie Spörel.

Verena Sieling Wildeshausen / Redaktion Wildeshausen
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