Wildeshausen Während aktuell immer mehr Corona-Lockerungen greifen, sitzen Menschen mit Behinderung „in der zweiten oder dritten Reihe und müssen anderen dabei zusehen, wie sie wieder mehr Freiheiten genießen können“, sagt Rita Rockel. Die Behindertenbeauftragte des Landkreises Oldenburg steht in engem Austausch mit dem Kreisbehindertenrat (KBR), der jetzt über seine aktuell schwierige Arbeit berichtet.

„Die Situation ist für behinderte Menschen nicht leicht. Viele stehen in den Startlöchern und wollen ihr altes Leben zurück, aber Corona ist längst nicht vorbei. Dennoch wollen wir den Menschen Mut machen“, sagt Michael Grashorn, Sprecher des KBR. Behinderte Menschen seien zuletzt mit starken Einschränkungen konfrontiert worden, konnten beispielsweise die Werkstätten nicht mehr besuchen oder ihre Angehörigen nicht mehr sehen. „Ich habe meine Kinder zu Beginn der Corona-Zeit zu mir geholt. Drei Monate habe ich sie betreut. Früher konnten sie nicht zurück, weil sie sich sonst in Quarantäne hätten begeben müssen“, berichtet KBR-Mitglied Kerstin Meinen von ihren eigenen Erfahrungen.

Inzwischen würden zwar auch in diesen Bereichen einige Lockerungen greifen, dennoch gehörten behinderte Menschen in den meisten Fällen zur Risikogruppe. „Die Werkstätten haben nun wieder zu 75 Prozent geöffnet, aber für Menschen aus besonderen Wohnformen besteht weiter ein Betreuungsverbot. Für sie ist es einfach schwierig, lange Zeit eine Maske zu tragen“, sagt Meinen. Ein anderes Problem: Die Betreuung der Kinder nach den Sommerferien, wenn die Schulen wieder normal besucht werden sollen. „Für Kinder, die eine Assistenz benötigen, gestaltet sich die Situation als schwierig, da sie 1,5 Meter Abstand halten müssen“, sagt Grashorn. Da Eltern behinderter Kinder Wahlfreiheit eingeräumt ist, ob ihre Kinder zur Schule gehen oder zuhause lernen, würden womöglich viele letztere Möglichkeit in Anspruch nehmen. „Dann fallen soziale Kontakte noch länger weg, und die Betreuung ist für viele Eltern nicht einfach zu stemmen“, ergänzt er.

Gleiches gilt für Familienentlastende Dienste. Auch dieses Unterstützungsangebot für Familien mit behinderten Angehörigen kann nur eingeschränkt angeboten werden. Ausflüge in größeren Gruppen sind nicht möglich. Sie würden durch Spaziergänge mit Kleinstgruppen mit entsprechendem Abstand ersetzt, berichten die KBR-Mitglieder.

Trotz aller Schwierigkeiten durch die Corona-Krise gebe es auch kleinere positive Beobachtungen aus den vergangenen Wochen: „So merkt man einigen Bewohnern sichtlich an, dass die ,Corona-Auszeit’ auch entspannend sein kann. Ausschlafen, seinem eigenen Rhythmus folgen und nicht täglich in der Werkstatt arbeiten müssen, kann zu mehr Ausgeglichenheit beitragen. Diese Erkenntnis kann auch eine Chance sein, sich mit den Abläufen nach Corona zu beschäftigen und diese zu optimieren“, blickt Grashorn voraus.

Der KBR verschiebt aufgrund der Pandemie alle öffentlichen Veranstaltungen auf 2021. Er werde aber im Rahmen seiner Möglichkeiten am Ball bleiben, versprechen die Mitglieder. „Wichtig ist, dass die Zielsetzung Inklusion nicht aus den Augen verloren wird, sondern dass auch in Krisenzeiten daran gearbeitet wird – wenn auch in kleinen Schritten“, sagt Grashorn.


     www.kreisbehindertenrat-landkreis-oldenburg.de 
Gloria Balthazaar Wildeshausen / Redaktion Wildeshausen
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