Wildeshausen Sechs Monate jeweils zweimal pro Woche Basiskursus bei Heinrich Handelsmann, unzählige Lernstunden zuhause und fast jeden Sonntag Nachbereitung in Kleingruppen: Der Weg zum Jagdschein ist steinig und mit knapp 1500 Euro Gesamtkosten nicht gerade billig. Das weiß auch Tim-Mattes Wulf aus Wildeshausen. Der 16-Jährige, der eigentlich immer schon Jäger werden wollte, hat das sogenannte „grüne Abitur" vor kurzem mit Bravour gemeistert.

„Danach musste ich erst mal überlegen, was ich mit meiner wiedergewonnenen Freizeit anfange“, schmunzelt der Gymnasiast, der mit der Jagd quasi aufgewachsen ist. Großvater Reinhold Stöver und Vater Manfred Wulf sind ebenfalls begeisterte Waidmänner, die – wie er jetzt auch – in Revieren in Rüssen und Aldrup jagen. Geschossen hat Tim-Mattes bislang zwar noch nichts, es aber „oft genug versucht“, berichtet er.

Entschleunigen

Doch ums „Rumballern“ geht es dem 16-Jährigen ohnehin nicht. In einer Zeit, in der alle ständig online sind, genießt er die zeitweise Entschleunigung in der Natur, das stundenlange Warten auf dem Hochsitz, das Beobachten von herumtollenden Jungfüchsen.

„Nach einem Jagdkursus sieht man die Natur mit anderen Augen“, bestätigt sein Lehrer Heinrich Handelsmann. Der 75-Jährige muss es wissen, schließlich bildet er seit 1976 in seiner Schule Jäger aus und hatte von einigen seiner mehr als 1000 Zöglinge schon die Großväter unter seinen Fittichen.

„Ehrgeizige Zehntklässler wie Tim-Mattes sind in einem guten Alter für den Jagdschein“, sagt Handelsmann. Generell ließen sich die Aspiranten in drei Gruppen unterteilen: knapp 30 Prozent seien junge Leute, 30 Prozent „Mitläufer oder solche, die bisher nicht dazu gekommen sind“ und 40 Prozent Senioren.

Seine 15 bis 25 Kursteilnehmer pro Jahrgang wählt er nach strengen Kriterien aus. Eine Besonderheit verbuchte der Dötlinger Anfang diesen Jahres, als wegen der Flüchtlingskrise das Schutzbedürfnis in der Bevölkerung sehr groß gewesen sei. „Allein im Februar hatte ich Anfragen von 15 hiesigen Männern, die den Jagdschein nur machen wollten, um sich legal zu bewaffnen“, erinnert sich Handelsmann. Genommen hat er keinen dieser Aspiranten.

Erfreulich findet der Ausbilder hingegen einen anderen Trend: „Ein Drittel der Anwärter sind weiblich – Tendenz zum Glück steigend.“ Und auch das Interesse der jungen Landwirte sei – anders als vor 20 Jahren – wieder da.

Ganz wichtig ist laut Handelsmann, dass die Familie des Anwärters ihn voll unterstützt. Das war bei Tim-Mattes mehr als gegeben. Und auch die „blöden Sprüche in der Schule“ hielten sich in Grenzen, als er von seinen jagdlichen Absichten berichtete. Außerdem bilden sich während des Jagdkurses – wie Handelsmann es nennt – „neue Seilschaften, die manchmal zu lebenslangen Freundschaften werden.“

Der Jagdkursus von Tim-Mattes begann Mitte September 2015 mit der Schießausbildung. „Komisch und befremdlich war das“, erinnert sich Tim-Mattes an die Anfänge, obwohl er an das sportliche Schießen auf Tontauben bereits gewöhnt war.

Viel gepaukt

Ebenso „easy“ wie die Schießprüfung lief für den Schüler Anfang April auch die schriftliche Prüfung, für die er allerdings „viel gepaukt“ hat. In fünf Fächern musste er je 20 Fragen im Ankreuzverfahren beantworten. „Das ist knifflig, zumal mindestens 27 von 40 Punkten nötig sind, um eine Vier zu bekommen“, erläutert Handelsmann. „All diese Tiere und Pflanzen zu unterscheiden, war nicht leicht“, ergänzt Tim-Mattes.

Doch so richtig Respekt hatte er erst vor der abschließenden mündlichen Prüfung im Lehrrevier Altona. An fünf Stationen galt es zu bestehen. Eine Vorprüfung gab hier ein bisschen Sicherheit, so dass der Gymnasiast auch diese finale Hürde meisterte.

Nicht bereut

Bereut hat Tim-Mattes die ganze Anstrengung nicht. „Ich kann das nur jedem empfehlen, der Interesse an der Jagd hat“, sagt der Schüler. Mitte September beginnt der nächste Kursus in der Jagdschule Handelsmann. Allzu viele Plätze sind allerdings sind nicht mehr frei. Ans Aufhören denkt der 75-Jährige übrigens nicht, auch wenn er schon daran arbeitet, eines Tages einen Nachfolger zu haben. „Wenn die Jagd einen gepackt hat, lässt sie einen nicht so schnell wieder los“, verrät Handelsmann ein Geheimnis, das auch Tim-Mattes längst weiß.

Uta-Maria Kramer Wildeshausen / Redaktion Wildeshausen
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