WILDESHAUSEN An Flucht und Vertreibung können sie sich noch genau erinnern: „Man kam sich vor, wie in einem Gefängnis“, schildert Gudrun Michler die drangvolle Enge in den Viehwaggons. Mehr als eine Woche war sie gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren Großeltern von Schlesien nach Westdeutschland unterwegs. Am 16. August 1946 kam der Zug in Wildeshausen an. Von ähnlichen Erfahrungen berichten die übrigen Teilnehmer der Runde.

Ein ambitioniertes Projekt zur Nachkriegsgeschichte hat der Bürger- und Geschichtsverein Wildeshausen am Mittwoch gestartet. Unter dem Titel „Was die Alten so erzählen“ sollen Mitbürger ihre Erinnerungen an die Zeit von 1945 bis 1970 austauschen. Die Ergebnisse sollen Eingang in ein „lebendiges Geschichtsbuch“ finden. Bereits 1995 hatte Vorsitzender Bernd Oeljeschläger ein Buch herausgegeben mit Berichten von Zeitzeugen aus den Jahren 1910 bis 1945. „Wenn wir jetzt nicht anfangen, die Erinnerungen nach 1945 zu dokumentieren, wird es möglicherweise niemand mehr tun“, so Oeljeschläger, der von der Historikerin Eva-Maria Ameskamp und der Bremer Kulturwissenschaftlerin Dr. des. Maria Hermes unterstützt wird.

Fünf Zeitzeugen tauschen sich am ersten „Arbeitstag“ im Seminarraum der VHS aus: Der Neerstedter Martin Klose, 76 Jahre alt, erzählt von der Flucht 1944 ins Riesengebirge, dann zurück in die schlesische Heimat und später gen Westen. „Wir waren froh, dass wir wieder Boden unter den Füßen hatten“, erinnert er an die lange Irrfahrt. Heinz-Joachim Kunz, 1938 in Ostpreußen geboren, ist mit der Familie vor der anrückenden Front geflohen. Er berichtet von gesprengten Brücken oder den Beschuss durch russische Panzer. Zum zweiten Mal wurde er als Steppke in Kleinenkneten eingeschult.

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Eine andere Perspektive haben Erika Rüdebusch aus Aldrup und Gisela Breitner aus Dötlingen. „Mehr als 20 Leute haben auf unserem Hof gewohnt“, erinnert sich Rüdebusch. Die Namen der Neubürger wurden mit einem Zetel an die Tür geheftet. Sie erzählt von den „Hamstern“, die aus Bremen kamen und die unfassbare Not: „Die Leute hatten Hunger!“ Die ersten Öfen waren umgebaute Benzinkanister der Wehrmacht, weiß Michler. Offene Ressentiments der Einheimischen hat sie als Kind aber nie erlebt. Doch aus heutiger Sicht könne sie so manche Reaktion der „Ur-Wildeshauser“ verstehen. Erst später, 1992, hat sie ihr früheres Elternhaus wieder gesehen. Nur vorm Breslauer Rathaus habe sie noch einmal so etwas wie Heimatgefühl empfunden.   Das nächste Treffen der Gruppe ist am Mittwoch, 9. November, um 15 Uhr im VHS-Haus, Wittekindstraße 9 in Wildeshausen. Weitere Zeitzeugen sind gern gesehen.

Stefan Idel Redakteur / Landespolitischer Korrespondent
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