Atens Der Sommerflieder blüht bereits. Dass mehrere dieser Schmetterlingssträucher eine frisch angelegte Grünfläche auf dem Atenser Friedhof umgeben, hat seinen guten Grund. Denn dieser Ort der Stille ist ein Schmetterlingsplatz. Den Namen trägt er, weil er als letzte Ruhestätte für Fehlgeburten dient. Kinder, die nicht lebend zur Welt kommen, werden Schmetterlingskinder genannt. Wie ein zarter Falter verharren sie einen flüchtigen Moment und sind dann unverhofft wieder verschwunden. Auf dem neu geschaffenen Rasenfeld in der Südostecke des Friedhofs haben Paare, die von einer gescheiterten Schwangerschaft betroffen sind, die Möglichkeit, über ihren Verlust zu trauern und Abschied zu nehmen.

Ungeborenes Kind in Wesermarsch in Würde bestatten

Der Arzt Detlef Klünner verfolgt schon seit Jahren das Ziel, in Nordenham eine Grab- und Gedenkstätte für Fehlgeburten zu schaffen. Der in der Wesermarsch-Klinik tätige Gynäkologe weiß von vielen Eltern, dass sie sich einen solchen Ort wünschen, um ihr ungeborenes Kind in Würde bestatten zu können. Jetzt hat Detlef Klünner mit Unterstützung der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Nordenham sein Ziel erreicht. An diesem Sonnabend, 14. Juli, findet auf dem Schmetterlingsplatz in Atens die erste Urnenbeisetzung statt. Der Abschiedszeremonie geht ein Gottesdienst voraus, den Pfarrer Christopher Iven hält.

Von Schmetterlingsflieder und einer Buchenhecke ist die neu angelegte Gedenkstätte für Fehlgeburten umgeben. Der Arzt Detlef Klünner hat dafür gesorgt, dass der Schmetterlingsplatz auf dem Atenser Friedhof entstanden ist. Bild: Hartfil

Der Atenser Pfarrer war von Anfang an begeistert von Detlef Klünners Idee. Auch die Zentrale Friedhofsverwaltung in Oldenburg und das Nordenhamer Bestattungsunternehmen Coners halfen mit, das Vorhaben in die Tat umzusetzen. Dennoch dauerte es seine Zeit, bis alle bürokratischen und formalen Vorgaben abgearbeitet waren. Zudem musste sich die Helios-Klinik Wesermarsch mit dem Pathologischen Institut in Bremerhaven und dem Krematorium in Cuxhaven abstimmen.

Bürokratische Hürden

Detlef Klünner ist froh, dass nun alle Hürden überwunden sind. „Jeder hat seinen Platz auf Erden“, zitiert er den Leitsatz für das Projekt Schmetterlingsplatz. „Mit diesem Ort möchten wir dem werdenden Leben eine Würdigung geben“, sagt der Arzt.

Während Grabstätten für Fehlgeburten in vielen Großstädten schon lange anzutreffen sind, fehlte in Nordenham bislang ein derartiges Angebot.

Nach dem Gesetz besteht für Kinder, die mit einem Gewicht von über 500 Gramm tot zur Welt gekommen sind, eine Bestattungspflicht. Und was geschieht mit sehr früh verstorbenen Kindern, die weniger als 500 Gramm wiegen oder vielleicht noch gar nicht als menschliche Wesen zu erkennen sind? Über ihren Verbleib können – beziehungsweise müssen – die Eltern alleine entscheiden. Und wenn es keine Grabstätte für Embryonen und Föten gibt, bleibt oft keine andere Wahl, als sie der Organentsorgung in der Klinik zu überlassen.

Fehlgeburten kommen sehr häufig vor

Aus seiner beruflichen Erfahrung weiß Detlef Klünner, dass Fehlgeburten „sehr häufig“ vorkommen. Es heißt, dass jede dritte Frau in ihrem Leben mindestens eine Fehlgeburt hat. „Das trifft die Paare sehr und ist mit einem großen seelischen Schmerz verbunden“, sagt Detlef Klünner, „aber oft wird das Thema totgeschwiegen.“ Er möchte mit dem Schmetterlingsplatz und den Abschiedsfeierlichkeiten dazu beitragen, dass das werdende Leben in der Gesellschaft mehr wahrgenommen wird und es den „Stellenwert bekommt, den es verdient“.

Nach Absprache mit der Kirchengemeinde ist vorgesehen, dass etwa drei- bis viermal im Jahr anonyme Urnenbeisetzungen auf dem Schmetterlingsplatz stattfinden. Anlässlich der ersten Zeremonie an diesem Sonnabend hat er 32 Einladungsschreiben an Frauen verschickt, die in den vergangenen drei Monaten wegen einer Fehlgeburt in der Helios-Klinik Wesermarsch in Behandlung waren. „Die Teilnahme ist freiwillig und bedarf keiner offiziellen Zusage“, betont er.

Überreste in Pathologie in Bremerhaven

In Zukunft soll es so ablaufen, dass die sterblichen Überreste der ungeborenen Kinder bis zum nächsten Beisetzungstermin in der Pathologie in Bremerhaven verbleiben. Das Bestattungsunternehmen Coners kümmert sich dann um die Einäscherung und stellt die Urne zur Verfügung. Für die Eltern entstehen keine Kosten.

Auf diese Möglichkeit des Abschiednehmens weist die Klinik in Informationsblättern hin, die in dem Krankenhaus ausgelegt werden. Wenn Paare eine solche Bestattungszeremonie nicht möchten, brauchen sie das nur mitzuteilen. „Das respektieren wir natürlich“, sagt Detlef Klünner.

Anonym und kostenfrei

Der Arzt ist dankbar, dass alle beteiligten Institutionen die in ihrem jeweiligen Bereich anfallenden Kosten selbst tragen. Zudem hat er die Hoffnung, dass sich noch Gönner finden, die das Vorhaben mit Geldspenden unterstützen. Denn es ist beabsichtigt, den Schmetterlingsplatz mit einer Sitzbank und einer thematisch passenden Skulptur auszustatten. Ob und wie sich diese Anschaffungen ermöglichen lassen, hängt von der noch ungeklärten Finanzierung ab. „Da könnten wir eine Unterstützung gut gebrauchen“, sagt Detlef Klünner.

Für alle Geldbewegungen, die in einem Zusammenhang mit dem Schmetterlingsplatz stehen, will die Kirchengemeinde Nordenham ein gesondertes Konto eröffnen.

Norbert Hartfil
Redaktionsleitung Nordenham
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