MüNCHEN Viele sehen ihn ernst, zu ernst. Sie bezeichnen ihn als Weltuntergangspropheten oder Kassandra. Dabei ist er ein Komiker und Ironiker durch und durch. Die oft falsche Sicht auf den Schriftsteller Günter Kunert (82) mag daher rühren, dass er als Jude von den Nazis drangsaliert wurde, als kritischer Dichter von der DDR in die Bundesrepublik vertrieben wurde, als aufmerksamer Beobachter unserer Verhältnisse ein aufrechter und oft unangenehmer Kritiker der Verhältnisse ist. Daneben und dabei war er und ist er aber immer auch ein Freund des Witzes und der Pointe.

In seiner „Geburt der Sprichwörter“ hat er nun Einfälle und Ausfälle, surreale Tipps und ziemlich verrückte Ratschläge gesammelt und erfunden, eine wunderbare Anhäufung von Texten, die entweder Spott und Hohn dokumentiert oder auch hervorruft.

Die Taube auf dem Dach ist auch bloß ein Vogel. Auch an die Wissenschaft muss man glauben, wenn sie helfen soll. Geballte Fäuste arbeiten nicht. Große Ereignisse lassen ihre Schatten zurück. Wo geglaubt wird, fallen Späne. – Alle diese Sätze, die zuerst schräg, dann seltsam, schließlich kurios wirken – und immer ein wenig Wahrheit transportieren – versammelt der Band. Man möchte aus ihm immer wieder zitieren. Gültige Weisheiten ergeben sich nicht, pure Satire sieht allerdings anders aus. Und während wir lachen, denken wir natürlich, dass wir über all die anderen lachen, die möglicherweise diesen Blödsinn verzapft haben. Wir selbst können natürlich nie die anderen sein. Oder? Sagen wir es lieber mit Adam Ries, den Kunert sagen lässt: Der Mensch ist das Maß aller Dinge. Es handelt sich dabei vorwiegend um ein Hohlmaß.

Wer noch mehr Kunert will, der greife auch zum frisch erschienenen „Berliner Kaleidoskop“, einem herausragenden Text-Bild-Band mit Fotografien von Thomas Hoepker.

Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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