Impfstoff ist zurzeit vielerorts knapp. Dennoch öffnen viele Bundesländer die Wartelisten für weitere Priorisierungsgruppen. Doch macht es noch Sinn, die Impfpriorisierung aufrecht zu erhalten? Ein Pro und Contra.

Pro: Gleiche Chance für alle

Sabrina Wendt ist Wirtschaftsredakteurin unserer Zeitung. Sie ist für eine Aufhebung der Impfpriorisierung. (Bild: von Reeken)
Deutschland steht sich mit seiner Bürokratisierung häufig selbst im Weg. Die Impfkampagne ist wieder ein Paradebeispiel dafür. Mag eine Priorisierung anfangs noch Sinn gemacht haben, um Hochrisikogruppen durchzuimpfen, so sollte diese Beschränkung nun fallen. Die Devise muss lauten: Gleiche Chance für alle. Das beschleunigt den gesamten Ablauf, sobald wieder genügend Impfstoff zur Verfügung steht.

Die Priorisierung dagegen zieht mit ihrem Bürokratierattenschwanz das Verfahren unnötig in die Länge. Dass jedes Bundesland sein eigenes Süppchen kocht, macht die Lage nicht besser. Es ist auch ein Schlag ins Gesicht Wartender, wenn Berechtigte Termine nicht absagen – denn auch das verzögert den Ablauf. Und was spricht dagegen, dass ein Betriebsarzt – etwa in einem Vechtaer Fleischverarbeitungsbetrieb – die Belegschaft mit Astrazeneca durchimpft? Wieder mal die Bürokratie.

Wie eine Impfkampagne funktionieren muss, haben die USA gezeigt. Von Anfang an wurde für genügend Impfstoff gesorgt und für Möglichkeiten, sich impfen zu lassen – ganz ohne Priorisierung.

Contra: Nerven behalten

Stefan Idel ist landespolitischer Korrespondent unserer Zeitung. Er plädiert für eine Beibehaltung der Priorisierung. (Bild: Verena Sieling)
Ja, die Ungeduld ist mehr als verständlich. Das lange Warten auf den Impfschutz und die Rückkehr zu alten Freiheiten. Der Frust, wenn noch immer kein Impftermin vorliegt, der vermeintlich gesunde Nachbar aber schon den Piks bekommen hat. Und die Wut auf die Poser mit entblößtem Oberarm in den sozialen Netzwerken. Aber sind das ausreichend Gründe, um die Nerven zu verlieren und nun knapp drei Wochen vor dem Ende der Impfpriorisierung die Parole „Schotten auf!“ auszugeben?

Nein. Aus gutem Grund haben sich Ethikrat und Impfkommission monatelang beraten. Wenn Solidarität und Verantwortung die Eckpfeiler der Pandemie sein sollen, müssen die besonders verletzlichen Gruppen geschützt werden. Und noch immer gibt es nicht ausreichend Impfstoff. Die komplette Freigabe würde nicht nur zu logistischen Problemen, sondern vor allem zu Drängelei und (wohl auch) Kungelei führen.

Gleichwohl darf man die Prioritäten selbst hinterfragen. Der Hinweis von Ärztekammer-Präsidentin Wenker, junge Eltern bei den Corona-Impfungen vorzuziehen, weist in die richtige Richtung.

Sabrina Wendt Redakteurin / Wirtschaftsredaktion
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