Oldenburg Man sieht sich zweimal im Leben. So heißt es, wenn persönliche Rechnungen des Lebens nicht beglichen wurden. Manchmal liegt Dankbarkeit zugrunde, meistens geht es um Abrechnung. Wer sich besonders ungerechnet behandelt fühlt – vor allem, wenn die Enttäuschung besonders schwer wiegt – braucht Geduld.

Für Wolfgang Schäuble könnte jetzt die Zeit der Abrechnung gekommen sein. Nach fast 20 Jahren.

Der heute 76-Jährige musste das Warten erst lernen. Der gleichermaßen angesehene wie heftig angefeindete Südbadener hat seine beruflichen und politischen Ziele stets mit Nachdruck durchgesetzt – freundlich formuliert.

Autor dieses Textes ist Oliver Schulz. Der 52-Jährige ist Politikredakteur der NWZ. (Foto: privat)

Selbst das Attentat auf den damaligen Bundesinnenminister im Oktober 1990 durch einen psychisch kranken Mann konnte den 48-Jährigen nur kurz aufhalten. Dass er seither querschnittgelähmt ist, hat ihn in seiner Zieldurchsetzung beharrlicher gemacht, sagte er mal. Andere formulieren es mit dem Adjektiv „rücksichtloser“.

Schäubles Leben verläuft seit dem 12. Oktober 1990 nicht mehr barrierefrei – und das liegt nicht nur an seinem Rollstuhl. Menschen, die sich ihm in den Weg stellten, waren von ihm nur schwer oder gar nicht zu umfahren. Erst war es der mächtige Einheitskanzler Helmut Kohl, dann die geschickt taktierende Angela Merkel.

Im Zuge der CDU-Parteispendenaffäre 1999 brach die Generalsekretärin öffentlich mit ihrem Mentor Kohl, um dann den Druck auf den Partei- und Fraktionsvorsitzenden Schäuble zu erhöhen. Dieser scheute damals den Konflikt mit Überkanzler Kohl; er wollte die ungeübte Oppositionspartei nicht spalten. Am 16. Februar 2000 gab Schäuble seinen Verzicht auf beide Parteiämter bekannt. Der Weg war frei für Angela Merkels Siegeszug.

Man muss diese Dinge vorausschicken, um Schäubles Rolle im Licht der aktuellen Nachfolgedebatte um die CDU-Chefin zu sehen. Das Führungsvakuum wurde damals rasch geschlossen. Die Union traute sich was: Ende Februar 2000 wählte die CDU/CSU-Bundestagsfraktion Friedrich Merz, seit 1994 im Bundestag und seit 1998 im Fraktionsvorstand, zu ihrem neuen Vorsitzenden. Schäuble war raus – vorerst.

In seinem Buch „Mitten im Leben“ stellte er seine Sicht der Affäre und der CDU-Krise, die zum völligen Bruch mit Helmut Kohl führt, ausführlich dar. Er trat damals in die zweite Reihe und widmete seine Arbeit der von ihm geleiteten Arbeitsgruppe zur Kompetenzverteilung zwischen der EU und ihren Mitgliedsstaaten.

Da er wie sonst niemand im mitgliederstarken Landesverband Baden-Württemberg politische Kompetenz vorweisen konnte, holte ihn Merkel 2005 in ihr Kabinett, dem er erst als Innenminister und ab 2009 als Finanzminister diente, bevor er im vergangenem Herbst im Amt des Bundestagspräsidenten geparkt wurde. Zwischendurch wurde er in der öffentlichen Diskussion mal als EU-Kommissar, mal als Bundespräsident genannt – und wieder verworfen.

Sollte sich Merz nun durchsetzen, wäre es ein Stellvertretersieg für Schäuble. Der „Unvollendete“ kann jetzt den Machtkreis schließen.

Oliver Schulz
Redakteur
Politikredaktion

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