Oldenburg Was für ein Skandal! Die Strache-Affäre hat das Zeug zu einer Geschichte, die später einmal zu Büchern und Filmen verarbeitet wird. In der Gegenwart bleiben aber eine Feststellung und ein ganzer Sack voller Fragen.

In der Führung der österreichischen Freiheitlichen Partei (FPÖ) und insbesondere bei ihren Anführern Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus offenbaren sich hemdsärmelige Großmannssucht, abstoßende Prahlerei und skrupellose Allmachtsfantasien, wie sie in so mancher Partei zu beobachten sind, die sich heute selbst „patriotisch“ nennt. Es zeigt sich auch, dass das Saubermann-Image der FPÖ im Eimer ist. Die Rechtspartei ist nicht „sauberer“ als andere Parteien, die ebenfalls von Skandalen erschüttert worden sind. Erinnert sei an die Silberstein-Affäre der österreichischen Sozialdemokraten. Hinzu kommt eine ganz besondere Strache-eigene Hybris. Der Mann besitzt tatsächlich die Dummheit, in einem solchen Umfeld in aller Offenheit über seine Bereitschaft zu maximaler Korruption zu fantasieren.

Das alles wirkt über Österreich hinaus. Bisher nämlich war Schwarz-Blau in Österreich ein durchaus erfolgreiches Modell, wie klassische Konservative und neue Populisten koalieren können. Im österreichischen Burgenland kam nach der Wahl 2015 sogar eine Koalition zwischen Sozialdemokraten und der FPÖ zustande. Diese relative Normalisierung ist vorbei. Allerdings: Während Strache und einige andere FPÖ-Granden politisch endgültig erledigt sein dürften, kann das von ihrer Partei insgesamt nicht gesagt werden. Das so genannte Dritte Lager in Österreich, die deutschnationalen, deutschfreiheitlichen und nationalliberalen Wählerschichten, verschwinden wegen dieser Affäre ja nicht. Sie werden weiter politisch wirksam bleiben. Kanzler Sebastian Kurz geht mit Neuwahlen also ein gut kalkuliertes Risiko ein: Diese Wähler werden kaum ihr Kreuzchen bei SPÖ oder Grünen machen – sie werden wahrscheinlich vielmehr, enttäuscht von der FPÖ, zu seiner Partei, der konservativen ÖVP überlaufen. Jedenfalls für diese Wahl.

Bei all dem bleibt ein Wust von Fragen. Wem nützt das alles? Warum taucht das Video eine Woche vor der EU-Wahl auf, vor der die so genannten „patriotischen“ Parteien in den Umfragen sehr gut abschneiden? Aus welcher Quelle kommt das Video? Welche Interessen hat derjenige, der es an die Presse gegeben hat? Was sind das eigentlich für Leute, mit denen Strache in Ibiza kungelte? Wer steht hinter ihnen? Wer war es, der ihm da eine Falle gestellt hat und warum? Warum wurde es nicht schon 2017 während der Regierungsbildung veröffentlicht?

So lange all das nicht geklärt ist, bleibt diese Affäre ein in mehr als einer Farbe schillernder Skandal.

Dr. Alexander Will Leiter Newsdesk / Politikredaktion
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