Oldenburg Diese Studie ist Sprengstoff: Die Evangelische Kirche hat untersuchen lassen, wie junge Menschen zum christlichen Glauben und zu den Kirchen stehen. Das Ergebnis hat Bedeutung für die Koexistenz der Religionen. Es wirft außerdem drängende Fragen nach dem Verhältnis von Staat und Kirchen auf.

Von den Befragten im Alter zwischen 19 und 27 Jahren gaben nur noch 19 Prozent an, religiös zu sein. Nur vier Prozent fühlen sich in einer Kirchgemeinde „am meisten eingebunden“. Fazit des Studienleiters: „Wir haben den Eindruck, dass wir es mit einer postchristlichen Generation zu tun haben.“

Ganz anders sieht das aus, schaut man sich Studien über junge Moslems in Deutschland an. Entsprechende Untersuchungen sehen bei 60 bis 80 Prozent eine starke bis sehr starke religiöse Ausrichtung.

Hier liegt der Schlüssel zum wachsenden gegenseitigen Unverständnis. Während Religion bei den Alteingesessenen als identitätsstiftender Faktor bedeutungslos wird, ist im islamischen Sektor der Bevölkerung das Gegenteil der Fall. Die Soziologin Necla Kelek schrieb so, die Zugehörigkeit zu einer Religion stelle in der Lebenswelt von Türken im Grunde die Norm dar und nicht, wie bei vielen Nicht-Muslimen, einer Entscheidung des Einzelnen. Hier sind scharfe Konflikte in der deutschen Gesellschaft programmiert.

Darüber hinaus kündigt die Studie künftige gesellschaftliche Bedeutungsarmut der christlichen Kirchen mangels Masse an. Das muss Anlass sein, ihre privilegierte Stellung zu hinterfragen. Da geht es um den staatlichen Kirchensteuereinzug, die absurden Zahlungen für Verluste während der Säkularisierung im 19. Jahrhundert, den Zugriff der Kirchen auf Einkommen von Nichtchristen, Mitgliedschaft in Rundfunkräten auf klerikalem Ticket oder auch Schutzrechte im Strafrecht. Das gilt umso mehr, da die Kirchen aus Angst vor Bedeutungsverlust ihre Existenzberechtigung selbst immer mehr entkernen: Sie sind nicht mehr diejenigen, die das Verhältnis zum Göttlichen erklären wollen, sondern entwickeln sich zu politisierten geistig-moralischen Wohlfühldienstleistern.

Die Studie zeigt letztlich: Religion wird immer mehr privat gelebt. Und ins Private gehört sie auch. Genau aus diesem Grund darf es auch keine Option sein, islamischen Gemeinschaften mit den gleichen Privilegien auszustatten wie die christlichen Kirchen.

Die EKD-Studie als PDF-Datei.

Dr. Alexander Will
Leiter Newsdesk
Politikredaktion

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