Oldenburg Mutter, Vater, Kind – das war einmal. Zumindest war es mal die einzige Familienform. Familien, das sind auch Alleinerziehende mit Kindern oder Kinder mit zwei Müttern oder zwei Vätern. Die Gesellschaft ändert sich. Das zeigt sich auch in der Gesetzgebung, etwa für homosexuelle Paare oder transgeschlechtliche Menschen. Transgeschlechtliche Menschen identifizieren sich nicht mit dem Geschlecht, das bei der Geburt eingetragen wurde.

Doch trotz aller gesetzlichen Änderungen: Die Politik geht noch nicht weit genug. Besonders, wenn es um leibliche Kinder geht, gibt es noch viel zu tun. Denn hier ignoriert die Politik die Auswirkungen ihrer eigenen Gesetzgebung.

Eine dieser Auswirkungen: Nicht nur Mann und Frau zeugen gemeinsam Kinder. Möglich machen das Gesetzesänderungen für transgeschlechtliche Menschen. Sie können ihr Geschlecht offiziell angleichen und einen neuen Namen tragen. Eine Operation oder gar Sterilisation darf nicht mehr Voraussetzung sein. Dadurch kann es zum Beispiel vorkommen, dass zwei Frauen ein gemeinsames leibliches Kind haben. Doch dann wird die Gesetzgebung inkonsequent.

Die gebärende Person wird als Mutter eingetragen, die andere Person als Vater. Selbst dann, wenn in offiziellen Dokumenten ein anderes Geschlecht und ein anderer Name stehen. Der Staat erkennt an, dass Geschlecht unabhängig von körperlichen Merkmalen ist – nur nicht bei leiblichen Kindern. Das ist absurd. Schließlich sind auch andere Veränderungen trotz Geburt gültig, zum Beispiel ein neuer Nachname nach der Heirat.

Dabei könnten es sich Politik und Ämter ganz einfach machen. In Dokumenten und Gesetzen sollte statt Mutter und Vater der Begriff Elternteil genutzt werden. Das würde für Paare, die nicht dem traditionellen Bild entsprechen, einiges vereinfachen.

Der Begriff Elternteil wird übrigens bereits benutzt: Menschen mit dem Eintrag „divers“ werden bei Adoptionen geschlechtsneutral als Elternteil eingetragen.

Eine Änderung der Begriffe würde nicht nur die Rechte von transgeschlechtlichen Menschen stärken. Es würde auch die Elternschaft bei gleichgeschlechtlichen Paaren vereinfachen. Denn diese werden weiterhin diskriminiert, wenn es um leibliche Kinder geht.

Ein Beispiel: Marie wird schwanger durch eine künstliche Befruchtung. Es ist gesetzlich geregelt, dass der Samenspender, wenn die Spende über eine Samenbank lief, nicht der rechtliche Vater ist. Weder Kind noch Samenspender können gegenseitig Ansprüche, etwa auf Unterhalt, stellen.

Ist Marie mit Johann verheiratet, ist er automatisch der rechtliche Vater. Sind die beiden nicht verheiratet, kann er schon während der Schwangerschaft angeben, dass er der rechtliche Vater sein möchte. Sowohl Kind als auch Vater sind, etwa im Falle einer Trennung der Eltern, rechtlich abgesichert.

Ist Marie mit Johanna verheiratet, wird diese nicht als weitere Mutter eingetragen. Johanna muss bis zur Geburt warten, bis sie einen Antrag auf Adoption stellen kann. Das Verfahren dauert meist mehrere Monate und kann einige hundert Euro kosten. Zudem verlangt das Jugendamt Einblicke ins Johannas Leben, die bei Johann anscheinend nicht nötig sind. Dabei war Johanna genauso wenig an der Zeugung des Kindes beteiligt. Doch in diesem Fall hat das Kind bis zur gültigen Adoption nur einen Elternteil.

Wer davon ausgeht, dass mit der Ehe für alle die Gleichstellung erreicht sei, irrt. Gleichgeschlechtliche Paare haben dadurch mehr Rechte. Zum Beispiel können sie gemeinsam Kinder adoptieren. Bei Adoptionen ist es ohne weiteres möglich, dass zwei Mütter, zwei Väter oder einfach Elternteile die Kinder großziehen. Doch bei leiblichen Kindern müssen es Mutter und Vater sein?

Es wird Zeit, dass Gesetze und Verordnungen vollständig an die Realität verschiedener Familien angepasst werden. Das würde die rechtliche Situation dieser Familien verbessern. Und es würde zeigen, dass zumindest die Gesetzgebung wirklich offen ist für Familien außerhalb von Mutter, Vater, Kind.

Manuela Wolbers Volontärin, 3. Ausbildungsjahr / NWZ-Redaktion
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