Nwz Pro Und Contra Zur Organspende
Zwang oder Nächstenliebe?

Um die Zahl der Organspenden in Deutschland wieder zu erhöhen, fordert Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) einen Systemwechsel. Künftig solle jeder Bürger automatisch Spender sein, so lange er oder die Angehörigen nicht ausdrücklich widersprechen. Die NWZ-Redakteure Lars Reckermann und Karsten Krogmann sehen diese Pläne ganz unterschiedlich. 

Bild: DPA
Darum geht es unter anderem in der Debatte um die Organspende: ein menschliches Herz.Bild: DPA
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Reckermann: Leben retten 

Ich bin potenzieller Organspender, schon seit fast 30 Jahren. Ich teile nicht die Ansicht etwa aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dass die Widerspruchslösung „auf eine erschlichene Lizenz zur Zwangsausschlachtung“ hinausläuft. Auch Begriffe wie „Ersatzteillager“ missfallen mir in dem Zusammenhang.

Lars Reckermann (Foto: NWZ)
Lars Reckermann (Foto: NWZ)

Da wird eines der höchsten Güter unserer Gesellschaft, nämlich Leben zu retten, auf einmal in eine unmoralische Ecke gestellt. Durch die Widerspruchslösung kann jeder Mensch der Entnahme seiner Organe widersprechen.

Wer sich intensiv mit dem Thema beschäftigt, moralische und/oder religiöse Gründe ins Feld führt, wird von seinem Einspruchsrecht auch Gebrauch machen. Dadurch sehe ich das Selbstbestimmungsrecht des Individuums nicht infrage gestellt.

Wem es letztendlich egal ist, der hat eine statistische Chance, dass eben eines seiner Organe Menschenleben rettet. Für so ein Verhalten gibt es einen einfachen Begriff: „Nächstenliebe“.

Für mich muss der Gesetzgeber Sorge tragen, dass Kliniken erst gar nicht in den Verdacht kommen, rein aus wirtschaftlichen Interessen Organe entnehmen zu wollen. Nur damit auch hier mein Standpunkt deutlich wird: Dieses Grundvertrauen habe ich in unsere Kliniken, in die Ärzte und in die Pflegekräfte. Hätte ich es nicht, würde ich widersprechen. Ich habe mich für „Leben retten“ entschieden.

Krogmann: Tod als Thema

Wenn es um das Thema Organspenden geht, sprechen wir gern über das Leben. Wir müssen aber auch über den Tod reden.

Karsten Krogmann (Foto: von Reeken)
Karsten Krogmann (Foto: von Reeken)

Generationen von Schülern haben im Biologie-Unterricht die Merkmale des Lebendigen auswendig gelernt. Stoffwechsel gehört dazu, Wachstum, Bewegung, Reizbarkeit. Fast alle diese Kennzeichen finden sich bei Menschen, bei denen der Hirntod festgestellt wurde. Wenn diese Menschen einen Spenderausweis haben, dürfen ihnen Organe entnommen werden.

Hirntote haben oft eine rosige Gesichtsfarbe, das Herz schlägt, ihre Haare wachsen. Nach der Organentnahme sind sie blass, mitunter sind ihre Haare plötzlich ergraut. Angehörige sind oft schockiert, wenn sie die Toten nach dem Eingriff sehen. Viele Ärzte fordern, Organe nur unter Narkose zu entnehmen.

Klar ist: Wir können nicht auf die „sicheren Todeszeichen“ warten wie Totenstarre oder Verwesung. Dann können die Organe kein Leben mehr retten. Es ist also notwendig, eine künstliche Trennlinie zu ziehen zwischen Leben und Tod. Aber dafür brauchen wir zuvor eine breite gesellschaftliche Diskussion über das Sterben. Und die scheuen wir bislang.

Zum Organspender darf man nicht ernannt werden. Jeder Mensch muss aktiv entscheiden, ob er das sein möchte oder nicht – im Besitz aller nötigen Informationen.

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