Frage: Sie schreiben ein Buch über Antisemitismus in Deutschland, leben aber schon lange in Israel. Was kümmert einen da noch Deutschland?
Shalicar: Als ich mein erstes Buch 2010 veröffentlichte, habe ich mir Kummer von der Seele geschrieben. Es ging um die Erfahrungen, die ich in Deutschland gemacht habe. Ich dachte, ich hätte einen Schlussstrich gezogen. In den letzten drei Jahren habe ich dann gemerkt, dass da einige Leute unterwegs sind, die ziemlich schief und krumm sind, wenn es um Juden und Israel geht. Das war aber ok. Das kannte ich ja. Als es aber vor etwa einem Jahr anfing mit wirklich heftigen antisemitischen Vorfällen, wie am Brandenburger Tor, wo Israel-Fahnen verbrannt wurden und „Juden ins Gas“ geschrien wurde, oder die Sache mit dem syrischen Gürtelmann, bin ich schlagartig wieder in meine Vergangenheit versetzt worden. Ich lerne auch viele Deutsche in Israel kennen, die mit allen möglichen Vorurteilen beladen kommen. Ich wollte das alles beleuchten, um auch mir wieder etwas von der Seele zu schreiben, in erster Linie aber, weil ich wirklich glaube, dass Israel und Deutschland, wegen und trotz einer schwierigen Vergangenheit sehr viel verbindet – und nicht nur das Negative. Ich glaube, dass diese schwierige Vergangenheit zum Teil nicht gut bewältigt wurde – sowohl von Deutschen ohne Migrationshintergrund, als auch von Migranten. Das beeinflusst die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern negativ. Das nervt mich.
Frage: Was ist für Sie der „neu-deutsche Antisemit“?
Shalicar: Der neu-deutsche Antisemit kann Linker, Rechter, Moslem, Christ, Medienmensch oder Politiker sein. Aber er ist „neu-deutsch“. Warum? Weil er seinen Antisemitismus, seinen Judenhass oftmals hinter dem Wort „Israelkritik“ versteckt.
Frage: Das Wort stört Sie…? Warum?
Shalicar: Wenn man mal in ein deutsches Wörterbuch schaut und sucht „frankreichkritisch“, findet man das nicht. Wenn man „thailandkritisch“ oder „finnlandkritisch“ sucht, findet man das auch nicht. Aber „israelkritisch“ – das gibt es. Wie krass würden es Deutsche finden, wenn es im Wörterbuch eines anderen Landes als einziges die Kombination „Deutsch“ und „Kritik“ gäbe, und das im Sprachgebrauch völlig normal wäre?
Frage: Dieses Kapitel Ihres Buches, dürfte natürlich besonders kontrovers aufgenommen werden. Darf man jetzt Israel nicht mehr kritisieren?
Shalicar: Kritisieren ist ja ok. Wenn einer zu mir kommt und sagt: „Arye, hör zu. Ich beobachte die Welt. Ich stelle fest, dass das, was die Russen, die Chinesen, was die Spanier, die Israelis und Venezuelaner machen, mir nicht gefällt.“ Dann sage ich: „Ich bin bei dir.“ Wenn aber einer kommt und sagt, es sei nur Israel, wenn er den Fokus ganz allein und ausschließlich nur auf Israel richtet, dann hat der ein Problem. Nicht mit Israel. Aber mit der Vergangenheit.
Frage: Sie kritisieren also Doppelstandards?
Shalicar: Absolut. Das ist ein versteckter Doppelstandard. Wer erlaubt sich nach dem Zweiten Weltkrieg als Deutscher ohne Migrationshintergrund schon, Juden offen anzufeinden?
Frage: Sie entdecken Antisemitismus quer durch die deutsche Gesellschaft. Ist das realistisch? Und warum sehen Sie das so?
Arye Sharuz Sahalicars Buch ist vor wenigen Tagen im Leipziger Verlag Hentrich & Hentrich erschienen. Es hat 160 Seiten und kostet 16,90 Euro.
Shalicar: Bei manchen Christen ist das eine ganz alte Sache. Bei den Linksextremen ist es Boykott-Propaganda und diese Mär vom angeblichen Kampf David gegen Goliath. Bei den Rechten ist es einfach die „Judensau“. Bei den Muslimen ist es in erster Linie die Aufstachelung gegen die Juden, die im Nahen Osten schon seit Generationen stattfindet. Da bekommen Menschen schon mit der Muttermilch Hass beigebracht. Es ist natürlich nicht so, dass ich in Deutschland vor irgendwelchen Christen-Banden Angst haben muss, die Juden auf den Kopf hauen. Aber wenn mir jemand sagt, die Rechtsradikalen oder die Muslime seien die wahre Bedrohung für die Juden, dann muss ich sagen, dass linksextreme Boykott-Prediger für mich auch eine Gefahr sind. Mein jüdischer Staat – das ist meine Heimat. Das ist das Land, das uns Juden beschützt. Deswegen sind solche Gruppen auf eine andere Art und Weise für uns ebenso gefährlich. Wenn Medien die Konfliktsituation seit Jahrzehnten teilweise verdreht darstellen, dann ist das auch eine Gefahr. Da werden Menschen falsch informiert, was zu Hass führt.
Frage: Sie geben den Medien in Ihrem Buch kräftig einen mit. Sind wir Journalisten wirklich alle Faulpelze, die keine Ahnung haben? Überziehen Sie nicht? Kritische Fragen und Kommentare sind Brot und Butter der Medien!
Shalicar: Ich weiß Journalisten als Menschen zu schätzen, die normalerweise sehr gut informiert sind und normalerweise einen gewissen Ethikstandard haben. Es gibt aber bestimmte Narrative, die in bestimmten Medienhäusern angesagt sind. Beispiel ist natürlich, was beim „Spiegel“ in Sachen Israel los ist. Ich nenne ja auch andere konkrete Beispiele, warum einige Journalisten sehr inkompetent sind. Das liegt natürlich auch an der wirtschaftlichen Situation. Da wird halt nicht mehr investiert, indem man den neuen Korrespondenten konsequent und kontinuierlich am Sprachverständnis arbeiten lässt, um zu verstehen und präzise zu berichten. Das verstehe ich ja. Es kann aber nicht sein, dass bei Konflikten etwa zwischen Israel und der Hamas nicht ganz klar Ursache und Wirkung aufgezeigt wird. Man kann in der Überschrift nicht Schreiben, Israel habe angegriffen und erst am Ende der Meldung darauf kommen, was die Ursache war. Das verdreht die Wahrheit. Viele lesen nur die Überschrift und da steht dann „Israel tötet Palästinenser“.
Frage: Sie schreiben an einer Stelle, sie empfinden Deutschland heute eher wie 1936, nicht wie nach 1945. Das klingt für mich doch übertrieben. Deutschland ist ja ein gefestigter Rechtsstaat.
Shalicar: Wenn ich das sage, meine ich damit, dass die Stimmung nicht die nach einer Katastrophe ist, nach der man sagt, wir müssen in uns gehen und uns verändern. Heute aber gibt es wieder dieses tabulose Judenbashing in allen möglichen Formen und Varianten, mal von der einen politischen Seite, mal von der anderen. Mal von Zuwanderern, mal von Alteingesessenen. Das kann nicht sein, dass so etwas täglich passiert!
Frage: Sie sagen, es muss sich etwas ändern. Was muss sich ändern?
Shalicar: Was ich empfehlen würde, damit sich die Deutschen selbst einen Gefallen tun, wäre dies: Streicht „israelkritisch“ aus dem Wörterbuch. Zweitens: Ich bin nicht dagegen, dass man der Jugend beibringt, was damals war. Aber man soll doch bitte nicht nur dem toten Juden hinterherreden, sondern man soll bitte den lebenden und erfolgreichen Juden in Israel kennenlernen. Wenn man das tut, dann baut das Vorurteile ab. Deswegen habe ich auch bei Schulbesuchen den Lehrern gesagt: Wenn es finanzielle Mittel gibt, macht die nächste Reise nach Israel, lernt die lebenden Juden kennen. Bei denjenigen aber, die gewalttätig gegen Juden auftraten, muss man mehr Konsequenz zeigen. Denen muss man klar machen: „Nicht bei uns in Deutschland!“
Frage: Im Untertitel Ihres Buches steht „Gehören Juden heute zu Deutschland?“ Wie ist Ihre Antwort?
Shalicar: Juden gehören heute mehr als jemals zuvor zu Deutschland. Damit meine ich nicht, dass man als Jude hier überall gerngesehen oder sicher ist. Das mache ich ja im Buch klar. Aber aus Geschichte und Gegenwart heraus bin ich der Ansicht, dass dieser Hass und diese Verdrehungen nicht gewinnen dürfen. Deswegen muss der Jude in Deutschland sein. Deswegen muss der Deutsche den Juden in Deutschland haben wollen und deswegen muss er auch den jüdischen Staat haben wollen.
Dr. Alexander Will Leiter Newsdesk / Politikredaktion
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