Friedrichshafen /Bonn /Berlin In diesem Flugzeug steckt viel deutsche Geschichte drin. Die Rede ist von der Lufthansa-„Landshut“, 1977 von palästinensischen Terroristen entführt, um Druck auf die Bundesregierung auszuüben, die inhaftierten Terroristen der RAF freizulassen. Die Entführung endete glücklich für die Geiseln, die Boeing 737-200 „Landshut“ tat weiter ihren Dienst, wurde später bei Lufthansa ausgemustert, flog noch viele Jahre in Afrika und Amerika und landete schließlich auf einem Flugzeug-Friedhof in Brasilien. 2017 wurde das, was von der „Landshut“ übrig geblieben war, auf Veranlassung des damaligen Außenministers Sigmar Gabriel nach Deutschland geschafft, um Mittelpunkt einer Ausstellung zum Deutschen Herbst 1977 zu werden.

Jetzt droht das Projekt zu scheitern, wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichtet. Die Dornier-Stiftung, in deren Museum in Friedrichshafen die „Landshut“ stehen sollte, möchte nicht für die die jährlichen Unterhaltskosten von geschätzt 300000 Euro aufkommen. Das wäre aber Voraussetzung für eine Förderung des Bundes, Zuschüsse gibt es für einen Museumsbau, nicht für den Unterhalt. Das Konzept wird offiziell so beschrieben: „Um die 1977 entführte Lufthansa-Maschine „Landshut“ auszustellen, wird in unmittelbarer Nachbarschaft zum Dornier-Museum ein neuer Museumsbau entstehen. Eine neue Ausstellung zeichnet die dramatischen Ereignisse zwischen 13. und dem 18. Oktober 1977 nach und bindet diese in einen zeitgeschichtlichen Kontext ein. Das Museum versteht sich als demokratiegeschichtlicher Ort, der den Besucherinnen und Besuchern die Bedeutung der damaligen Ereignisse für die Entwicklung unserer Demokratie veranschaulicht. Mit diesem Kerngedanken wird eine bisher in der bundesdeutschen Museumslandschaft bestehende Lücke geschlossen.“

Jetzt wird die Lücke wohl weiter bestehen, denn auch an anderer Stelle könnte es schwierig werden, der Landshut einen dauerhaften Standort und ein Dasein als Ausstellungsstück zu geben. Das Haus der Geschichte in Bonn will keinen ganzen Flieger, höchstens ein Stück davon, vielleicht eine Kabinentür. Wobei man sagen darf, dass Bonn sich im Gegensatz zu Friedrichshafen als Deutscher-Herbst-Museumsstandort eher eignet: Wegen des Regierungssitzes, wo der Krisenstab um Bundeskanzler Helmut Schmidt 1977 tagte, besteht ein direkter Zusammenhang zum Deutschen Herbst.

Vielleicht ist das Hin und Her um die „Landshut“ auch ganz heilsam. Vielleicht kann man die Fantasie, die Landshut wäre ein gutes Exponat für eine Dauerausstellung zum Deutschen Herbst, dadurch noch einmal auf den Prüfstand stellen.

Die „Landshut“ wurde gleich nach der glücklichen Befreiung der Geiseln in Mogadischu wieder genutzt: Die befreiten Geiseln flogen in der „Landshut“ heim. Dann wurde sie nach kurzer Reparaturpause der durch die Entführung angerichteten Schäden wieder im Liniendienst eingesetzt. Ein Kurz- und Mittelstreckenjet, ein sogenannter Cityliner, der den Charme hatte, dass man die Bestuhlung leicht ausbauen und den Flieger nachts als Frachtflugzeug einsetzen konnte. 1985 wurde die „Landshut“ von der Lufthansa verkauft. Das, was als Museumsstück entstehen könnte, wäre ein einigermaßen originaler Flugzeugrumpf, während das Innere komplett verändert wurde. Und die Museumsmacher müssten es irgendwie hinkriegen, dass der Besucher nicht kommt, weil er sich gruseln will an der Stelle, wo Flugkapitän Jürgen Schumann erschossen und der Leichnam aus dem Flugzeug geworfen wurde. Er soll sich laut Konzept ja schließlich für „Bedeutung der damaligen Ereignisse für die Entwicklung unserer Demokratie“ interessieren. Friedrichshafen hat ein Flugzeug-Museum, ja die „Landshut“ ist ein Flugzeug gewesen, aber vor allem ein Vehikel für die Terroristen, um einen Staat zu erpressen. Das spielt doch in die politische Dimension hinein, eher am Rande in die Luftfahrtgeschichte, in deren Verlauf die „Landshut“ nicht der erste Erpressungsversuch gewesen war.

Eine Dauerausstellung zum Deutschen Herbst als Kulminationspunkt des westdeutschen Terrorismus - warum nicht? Die Geschichte der Bundesrepublik wäre ohne diese Episode nicht zu erzählen, inklusive der Beteiligung der DDR, die die Terroristen unterstützte. Die Frage ist halt: Muss dazu gleich ein komplettes Flugzeug als Ausstellungsstück herhalten?

Hans Begerow Leitung / Politik/Region
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