Frage: Herr Kornblum, die Demokraten haben auf ihrem Parteitag die Weichen für den Wahlkampf gestellt und Joe Biden als Präsidentschaftskandidaten nominiert. Kamala Harris tritt an seiner Seite für das Amt der Vizepräsidentin an. Ein Team, das Präsident Donald Trump ablösen kann?

Kornblum: Ja, das ist ein sehr gutes Team. Sie ergänzen sich sehr gut. Biden hat Erfahrung, politisches Gewicht und die notwendige Ruhe und Souveränität. Er bewegt sich sicher auf dem internationalen Parkett. Harris ist viel jünger und eine sehr starke Persönlichkeit. Sie vertritt die neue, nicht europäische Generation in den Vereinigten Staaten. Harris hat einfach mehr Energie als Biden. Beide ergänzen sich sehr gut. Es gibt jetzt nur noch ein Ziel: Trump zu ersetzen, Trump aus dem Amt zu jagen.

Einst in Berlin

John C. Kornblum (77) ist ein pensionierter US-Diplomat. Er war auch Botschafter in Deutschland. Die Großeltern stammen aus Ostpreußen.

Frage: Sie waren als Demokrat zunächst nicht so begeistert von Biden, haben bei den Vorwahlen noch Bloomberg gewählt. Was hat sich verändert?

Kornblum: Er hat Erfolg gehabt in den Vorwahlen. Und das ist gut so. Ich hätte nicht damit gerechnet, wollte den gemäßigten Flügel unterstützen und habe deshalb Bloomberg gewählt. Jetzt freue ich mich sehr für Biden. Die Demokraten stehen geschlossen hinter ihm.

Frage: Die Demokraten rücken zusammen und schließen die Reihen. Sorgt Biden für eine neue Geschlossenheit?

Kornblum: Ob es mehr Biden ist oder mehr Trump, der die Demokraten zusammenschweißt, kann man nicht genau sagen. Er hat Rückenwind von der Partei, aber auch von einem Großteil der Amerikaner. Viele sind Trump leid und wollen ihn einfach weghaben. Viele, die jetzt sagen, sie werden Biden wählen, sind nicht für Biden, sondern gegen Trump. Bidens Aufgabe ist es jetzt, diese passiven Unterstützer von sich zu überzeugen und für sich zu gewinnen und zu aktiven Wählern zu machen. Das wird nicht immer leicht. Wir sind an einer historischen Wegmarke: Es ist einfach dringend notwendig, dass dieser Präsident aus dem Amt verschwindet. Deshalb steht die Demokratische Partei zusammen hinter diesem Ziel und hinter Biden. Trump hat schon viel zu viel Schaden angerichtet. Das reicht. Biden ist vielleicht nicht so zukunftsorientiert. Aber er ist vertrauenswürdig. Erfahrung und Vertrauen - das ist genau das, was wir jetzt brauchen.

Frage: Trump versucht bereits, die Wahl in Frage zu stellen und zu torpedieren. Er warnt vor der Briefwahl. Könnte die US-Wahl am Ende scheitern?

Kornblum: Diesmal geht es nicht um die Inhalte im Wahlkampf, sondern darum, dass die Wahl stattfindet und das Ergebnis anerkannt wird. Der korrekte Ablauf der Wahl wird diesmal wichtiger als die Inhalte und Programme. Trump wird jetzt alles tun, um die Wahl zu beeinflussen und womöglich zu kippen. Er hat immer wieder neue Tricks. Er versucht, das ganze System zu unterminieren. Das könnte ein harter, schmutziger Wahlkampf werden. Bereits nach seiner Wahl vor vier Jahren hatte er behauptet, dass Hillary Clinton nicht mehr Erststimmen erhalten habe als er. Das war damals schon falsch. Jetzt setzt er wieder auf Betrug. Schon redet er darüber, dass die Wahl womöglich ungültig sein könnte und ein zweites Mal abgehalten werden müsse. Er hat keinerlei Befugnisse, das anzuordnen. Das ist in der amerikanischen Verfassung nicht vorgesehen. Im Zweifel entscheidet der Oberste Gerichtshof und nicht der Präsident. True weiß genau, dass er zurückliegt und versucht es nun mit seinen schmutzigen Tricks.

Frage: Amerika wirkt gespalten. In welcher Verfassung sehen sie ihr Land? Steht es an einem Scheideweg?

Kornblum: Alle westlichen Länder erleben eine gesellschaftliche Spaltung. Amerika leidet aktuell leider mehr als andere Länder unter dem Corona-Virus. Die Stimmung im Land ist ängstlich und schlecht. Dennoch: Die Amerikaner sind auch in dieser Krise wieder entschlossen und voller Hoffnung. Sie sehen die Krise als Chance, eher als Ansporn und nicht hoffnungslos. Wenn Turm wieder gewinnen würde, hätten wir noch größere Probleme und die Stimmung würde kippen.

Frage: Würde Biden wieder für eine Verbesserung der transatlantischen Beziehungen sorgen?

Kornblum: Die täglichen Temperaturmessungen im transatlantischen Verhältnisse interessieren mich nicht. Im Moment gibt es große Spannungen. Doch die hat es auch zwischen Gerhard Schröder und George W. Bush oder Helmut Schmidt und Jimmy Carter gegeben. Das transatlantische Verhältnis ist mal gut, mal schlecht. Biden ist ein überzeugter Transatlantiker. Er wird sehr viel daran setzen, das wider zu reparieren. Aber die Zeiten haben sich geändert. Es gibt einige Bereiche, in denen die Vereinigten Staaten einfach in eine andere Richtung gehen als Europa. True ist nicht unbedingt ein amerikanisches Problem, sondern eins der westlichen Welt. Es gibt engagierte Trump-Anhänger auch in Europa. Das sind Menschen, die sich einfach entfremdet fühlen von der Politik und Populisten folgen.

Andreas Herholz Korrespondentenbüro Berlin
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