Berlin Vor 100 Jahren, am 19. Januar 1919, durften Frauen in Deutschland zum ersten Mal ein nationales Parlament wählen – und sich zum ersten Mal auch wählen lassen. 37 Frauen wurden 1919 in die Nationalversammlung gewählt. Unter ihnen war Marie Juchacz, die als erste Frau dort eine Rede hielt. Im Plenar-Protokoll ist vermerkt, dass sie für „Heiterkeit im Plenum“ sorgt. Aber nicht etwa mit einer lustigen Bemerkung, sondern mit der Anrede „Meine Herren und Damen!“

Was für einige der Herren Abgeordneten 1919 wie ein Witz wirkte, ist heute Normalität: Frauen sind in den Parlamenten vertreten, sind Bürgermeisterinnen, Ministerinnen, Kanzlerin. Frauen können alles. Das ist Fakt und Forderung zugleich.

Autorin dieses Textes ist Franziska Giffey (40, SPD). Sie ist Bundesfamilienministerin. (Foto: DPA)

Fakt, weil Frauen es in allen Bereichen immer wieder bewiesen haben. Forderung, weil es Frauen immer noch schwer gemacht wird. Wirklich gleichberechtigt sind Frauen immer noch nicht überall. Für Frauenrechte müssen wir weiter streiten: für gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit, für die Aufwertung der sozialen Berufe, gegen Gewalt an Frauen, für mehr Frauen in Führungspositionen. Und für mehr Frauen in der Politik. Im Bundestag sind nur 31 Prozent der Abgeordneten Frauen – weniger als in der vergangenen Wahlperiode. Nur zehn Prozent aller Rathäuser werden von Bürgermeisterinnen geführt. Frauen sind die Hälfte des Volkes! Es ist Zeit für Parität in den Parlamenten.

100 Jahre Frauenwahlrecht sind ein guter Anlass, um daran zu erinnern, dass das Wahlrecht den Frauen weder geschenkt wurde noch automatisch kam mit der Demokratie.

Frauen haben sich das Wahlrecht erstritten. Frauen haben sich ihren Platz in der Politik erobert: mit ihrem Engagement, mit ihren Leistungen und mit ihrer Hartnäckigkeit. Es ist heute genauso wichtig wie 1919, dass Frauen wählen gehen. Es ist genauso wichtig, dass sich Frauen politisch engagieren, ihre Meinung sagen und ihre Interessen einbringen. Die Kampagne des Bundesfrauenministeriums zum Jubiläum trägt den Titel: Wofür streitest du? Sie richtet sich an Frauen und Männer, in allen Bereichen der Gesellschaft. Es ist noch eine Menge zu tun.

Vor vier Jahren antwortete der kanadische Premierminister Justin Trudeau auf die Frage, warum er dieselbe Anzahl Frauen wie Männer in sein Kabinett berufen hat: „Weil es 2015 ist.“ Die Gleichberechtigung von Frauen und Männern ist nicht nur eine Frage von Recht und Gerechtigkeit, sondern auch von einer modernen und zukunftsorientierten Gesellschaft. Wir müssen dafür sorgen, dass auch in der deutschen Politik Parität eine Selbstverständlichkeit wird.

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