Athen Nur 134 Corona-Tote zählt das elf Millionen Einwohner zählende Griechenland, etwas mehr als 2500 Corona-Fälle sind gemeldet. Verschwindend wenig. Beinahe scheint es so, als habe das hochansteckende Coronavirus, dieser unsichtbare, tückische Killer, der Milliarden Menschen rund um den Globus in Atem hält, einen gewaltigen Bogen um das kleine Land mit der großen Geschichte geschlagen.

Einmal mehr lerne nun die Welt von der Weisheit der Griechen, konstatieren Beobachter fernab von Hellas voller Ehrfurcht. Das Narrativ lautet: Die Regierenden in Athen hätten Hand in Hand mit herausragenden einheimischen Virologen, Immunologen und sonstigen Nachfahren des alten Hippokrates so blitzschnell wie resolut auf die weltweit grassierende Pandemie reagiert. Und – siehe da – die notorisch undisziplinierten Griechen hätten diesmal sogar gespurt!

Autor dieses Textes ist Ferry Batzoglou. Der 52-Jährige berichtet für unsere Zeitung aus Griechenland und vom Balkan. (Foto: privat)
Daher habe Griechenland gemessen an seiner Bevölkerungszahl viel weniger Corona-Tote und Kranke zu beklagen. Die Griechen seien ein Vorbild für den coronageplagten Rest der Welt. Endlich wieder. Sotiris Tsiodras, der Drosten Griechenlands, der allabendlich mit seiner angenehm sanften, väterlich wirkenden Stimme die aktualisierte Corona-Statistik vor einem Millionenpublikum am Fernseher bekanntgibt, ist hierzulande zum populärsten Griechen avanciert.

Premierminister Kyriakos Mitsotakis wiederum, ein bekennender Wirtschaftsliberaler, der Anfang Juli seinen linken Vorgänger Alexis Tsipras mit einem Wahltriumph aus dem Amt jagte, hat in Umfragen weiter deutlich zugelegt. Fänden heute Wahlen in Griechenland statt, würde Mitsotakis’ konservative Nea Dimokratia (ND) einen Kantersieg feiern. Wegen der schönen griechischen Corona-Statistik.

Geschönte Realität

Nur: Die Zahlen haben herzlich wenig mit der Realität zu tun. Der Grund: Bis zum 26. April, genau 60 Tage nach dem ersten festgestellten Corona-Fall in Griechenland, haben die Behörden insgesamt nur 64 608 Labor-Tests durchgeführt. Dies entspricht im Schnitt 1000 Tests pro Tag. Das ist lächerlich wenig.

Dabei ist auch unbekannt, wie viele Tests mehrmals bei einzelnen Personen durchgeführt wurden. Griechenland ist in Sachen Coronavirus eine Testwüste. Mitsotakis, Tsiodras und Co. handeln nach dem simplen Motto: „Keine Tests, keine Corona-Fälle.“

Führende griechische Virologen erklären dieses Unding allen Ernstes damit, auch Labortests seien unglaubwürdig – und damit sinnlos. Nebeneffekt: Das chronisch klamme Griechenland spart Geld. Als Corona-Tote werden ferner nur diejenigen Sterbefälle gezählt, die in die zur Behandlung von nachweislichen Corona-Fällen vorgesehenen landesweit 17 Krankenhäuser eingeliefert wurden und dort letztlich verstorben sind. Wer woanders stirbt, wird nicht posthum auf den Coronavirus getestet – und taucht so erst gar nicht in der griechischen Corona-Statistik auf. Verdachtsfälle fallen ohnehin unisono durch das Corona-Raster. Die Regierung Mitsotakis nutzt die vorbildlichen Corona-Zahlen mit einer ausgeklügelten PR-Strategie zur Eigenwerbung, auch im verblüfften Ausland.

Hohe Dunkelziffer

Wer nun glaubt, die Griechen hielten sich im Kampf gegen die Pandemie brav an die Restriktionen, der irrt gewaltig. Ob in den Straßen, den Supermärkten oder Apotheken: Sie sind nicht nur voll, sondern übervoll. Der Sicherheitsabstand wird kaum eingehalten, Mund- und Nasenschutz tragen die wenigsten.

Unterdessen mehren sich die Anzeichen dafür, dass die Corona-Dunkelziffer in Griechenland weitaus höher als in ungleich testfreudigeren Ländern ist. Erst kürzlich starben drei mit dem Coronavirus infizierte Menschen in zwei Privatkliniken in Athen. Dutzende Patienten wurden positiv auf Corona getestet, nachträglich wohlgemerkt.

Die Corona-Fiktion auf Griechisch nutzt Mitsotakis nicht nur innenpolitisch. Die regierungsnahe Athener Qualitätszeitung „Kathimerini“ titelte am Sonntag: „Der Erfolg in der Pandemie, eine Chance für Griechenland. Wie Hellas Touristen anlocken will.“

Unanständiges Locken

Tatsächlich hat die Regierung Mitsotakis bereits damit begonnen, Griechenland als in Corona-Zeiten ideales Urlaubsziel für ausländische Touristen zu präsentieren. Unverhohlen prahlt der stellvertretende ND-Vorsitzende und griechische Wirtschaftsminister Adonis Georgiadis damit, Griechenland werde „der große Krisengewinner in der diesjährigen Reisesaison“ sein.

Georgiadis’ dubiose Lesart: Da Italien, Spanien, Portugal sowie die Türkei mit ihren ungleich höheren Corona-Fällen für Deutsche, Österreicher, Schweizer, Franzosen und Briten kaum in Frage kämen, werde das offiziell fast virenfreie und folglich am Mittelmeer allein auf weiter Flur stehende Griechenland von Abermillionen sonnenhungriger Nordeuropäer angesteuert werden.

Fakt ist: Kein anderes Land in Europa ist so vom Tourismus abhängig wie Griechenland. Blieben die Urlauber hierzulande aus, hätte dies für Hellas’ Wirtschaft katastrophale Folgen.

Erst allmählich rappelte sich Hellas wieder auf. Nach der Krise folgt nun die nächste Krise. Das ist für Griechenland, Europas Schuldenkönig, ein herber Rückschlag. Mit der griechischen Mär über die vermeintlichen Triumphe im Kampf gegen Corona wollen nun die Schlaumeier in Athen offenbar retten, was noch zu retten ist. Ob das nicht zuletzt gegenüber leichtgläubigen, unbedarften Urlaubern unanständig ist, schert sie offenkundig herzlich wenig.

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