Der Bundestag hat über Gentests in der Schwangerschaft abgestimmt. Die Bundestagsabgeordneten Christine Aschenberg-Dugnus (FDP) und Susann Rüthrich (SPD) sind unterschiedlicher Auffassung.

Pro von Christine Aschenberg-Dugnus: Freie Entscheidung

Christine Aschenberg-Dugnus, FDP, Mitglied des Deutschen Bundestages

In einer Grundsatzdebatte hat der Deutsche Bundestag über vorgeburtliche genetische Bluttests diskutiert. Konkret ging es dabei um die ethische Frage, wie mit vorgeburtlichen Testverfahren künftig umzugehen ist. Eine riskante Fruchtwasseruntersuchung wird derzeit von der gesetzlichen Krankenkasse bei entsprechender Indikation gezahlt, ein risikoloser Bluttest hingegen nicht. Das ist widersinnig. Deshalb setze ich mich dafür ein, dass der Bluttest Kassenleistung werden muss. Allerdings nicht als flächendeckendes Angebot, denn ein generelles Screening lehne ich ab.

Ich bin davon überzeugt, dass jede Frau, die bei ihrer Schwangerschaft entsprechende Indikationen aufweist, eine freie Entscheidung treffen können muss. Und zwar: Ob und welche Untersuchung sie durchführen lässt und wie sie anschließend mit dem Ergebnis umgeht. Im Sinne des Selbstbestimmungsrechts der Frau darf der Staat nur den Rahmen bei dieser Frage vorgeben. Die Entscheidung einer Schwangeren, einen Test vornehmen zu lassen oder nicht, kann immer nur eine individuelle Entscheidung sein. Diese muss allerdings beratend begleitet werden. Daher ist vor einem Bluttest und gegebenenfalls nach dem Vorliegen des Ergebnisses immer eine ärztliche Beratung notwendig. Gegenstand dieser muss auch sein, dass ein Leben mit einem Kind mit Down-Syndrom sehr erfüllend sein kann. Das bestätigen viele Eltern. Wichtig ist, dass ein Test nicht vom Geldbeutel abhängt. Ein gefahrloser Bluttest darf nicht nur Schwangeren zur Verfügung stehen, die es sich leisten können. Er muss allen zur Verfügung stehen, die ihn durchführen lassen möchten.
(Die Autorin ist gesundheitspolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion.)

Contra von Susann Rüthrich: Nicht notwendig

Susann Rüthrich, SPD, Vorsitzende des Unterausschusses Kommission zur Wahrnehmung der Belange der Kinder (Kinderkommission, KiKo).

Der medizinische Fortschritt ist ein Segen für sehr viele Menschen. Und Vorsorgeuntersuchungen sind es für sehr viele Kinder. Doch dieser Bluttest ist ein Paradigmenwechsel. Denn im Interesse des Kindes ist er nicht. Ich möchte keine Zukunft, in der Kinder mit genetischen Varianten – so sie denn geboren werden – quasi zum Privathobby der Eltern werden. Ich möchte nicht, dass Eltern sich rechtfertigen müssen: Sie hätten dieses Kind ja nicht bekommen müssen! Wir zahlen ihnen ja schon den Test. Jetzt sehen sie zu, wie sie damit zurechtkommen. Ich möchte, dass werdende Eltern frei und selbstbestimmt entscheiden können. Doch es ist mir unerträglich, wenn Menschen sich aus Unkenntnis, wegen Vorurteilen oder sozialer und finanzieller Sorgen gegen ein Kind mit Down-Syndrom entscheiden. Denn dann ist es genau keine freie Entscheidung! Es ist eine Frage an uns alle, warum so viele Frauen meinen, ihr Kind mit Down-Syndrom nicht austragen zu können. Warum fühlen sich viele allein gelassen und unter Druck? Werdende Eltern müssen frei und selbstbestimmt eben auch sagen können: Nein, ich möchte diesen Test nicht machen, es kommt, wie es kommt. Was wir dafür brauchen? Erstens: Individuelle Aufklärung und Beratung bereits vor dem Test: Dahingehend, dass ihn nichts im Sinne des Kindes erforderlich macht. Über anschließende Entscheidungen und Folgemaßnahmen abhängig vom Ergebnis. Dazu ergebnisoffene Beratung und Begleitung direkt nach dem Testergebnis. Zweitens: Konkrete Indikationen, bei denen die Kosten übernommen werden, um nicht zu einem vorgeburtlichen Massenscreening zu kommen. Und drittens: Eine wirklich inklusive Gesellschaft, in der alle Verschiedenheiten willkommen sind. Natalie Dedreux fragte in der Kinderkommission des Deutschen Bundestages kürzlich: „Warum habt ihr solche Angst vor uns? Unser Leben ist cool. Wir leben gern.“ Ich möchte, dass das auch in Zukunft so ist.
(Die Autorin ist Kinderbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion.)

Alles zum Thema Gesundheit finden Sie hier!

NWZonline.de/gesundheit
Alles zum Thema Gesundheit finden Sie hier!

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.