Ein geduldiger Spaß – von Christoph Sonnenberg

Um zu glauben, Werder Bremen erreicht in dieser Saison die Europa League, braucht es ein großes grün-weißes Herz. Es sieht eher danach aus, dass das ambitionierte Ziel am Ende doch verfehlt wird. Ist das schlimm? Geht so. Zum einen braucht es ambitionierte Ziele, sonst läuft ja niemand los. Es war richtig, Ehrgeiz zu zeigen. Zum anderen gibt es gute Argumente, die dennoch für eine gelungene Saison sprechen.

Werders Fußball macht wieder Spaß. Mir kommt das 2:2 gegen Eintracht Frankfurt aus dem vergangenen Januar in den Sinn. Tempo, Torchancen, Tore, feine Spielzüge verdichteten sich zu großer Dramatik. Es war beste Unterhaltung, die beide Mannschaften geboten haben. Und geht es nicht darum, gut unterhalten zu werden? Ähnlich war es beim 1:1 gegen Hoffenheim, dem 2:3 in Leipzig oder dem 1:2 in Stuttgart. Am Ende gab es keinen Sieg zu feiern, aber einen Fußball zu bestaunen, den anzuschauen Spaß gemacht hat. Das war, mit wenigen Ausnahmen, in den vergangenen Jahren sehr selten der Fall.

Fußball ist ein Fehlerspiel, wer weniger macht, gewinnt. Wenig Fehler zu machen, ist eine Frage der Konstanz, da hat Werder Nachholbedarf. Die Entwicklung vieler Spieler zeigt, dass die Mannschaft auf dem Weg zu Konstanz ist. Die Brüder Maximilian und Johannes Eggestein, Milot Rashica und Jiri Pavlenka sind unter Florian Kohfeldt besser geworden und werden sich weiter verbessern. Internationale Erfahrung, also Spiele in der Europa League, könnten diese Entwicklung beschleunigen, notwendig ist sie dafür noch nicht.

Um Spieler zu überzeugen, einen Vertrag bei Werder zu unterschreiben oder ihn zu verlängern, ist ein internationaler Wettbewerb zweifelsfrei hilfreich. Aber offensichtlich kein Muss. Davy Klaassen oder Yuya Osako sind gekommen, obwohl sie Angebote von Klubs hatten, die dieses Argument bieten konnten. Beide haben Kohfeldt als Faktor angeführt. Einen Trainer, der ihnen eine sportliche Perspektive vermittelt hat, sowohl individuell als auch mit der Mannschaft. Kohfeldt ist ein wichtiges Argument, das Spieler überzeugen kann.

Bremen ist ein Fußballstandort besonderer Art. „Werder ist zu einer Institution in Deutschland geworden, auch international. Es wird überall mit großem Respekt und Hochachtung von Werder gesprochen“, hat Klaus Allofs gerade in einem Interview mit Mein Werder gesagt. Die Identifikation zwischen den Menschen in der Stadt Bremen und dem Verein erzeugt eine Atmosphäre, die nicht jeder Klub bieten kann.

Entwickelt hat sich auch der Verein als Ganzes. Werder strahlt Ruhe, Souveränität und Gelassenheit aus. Ein Blick nach Gelsenkirchen, Hamburg oder Hannover, ebenfalls alles Traditionsvereine, genügt, um zu wissen, dass das nicht selbstverständlich ist. Und dass es in der jüngeren Vergangenheit auch nicht immer so war.

Es gibt eine Entwicklung bei Werder. Sie ist gut, sie geht nur nicht so rasant vonstatten wie erhofft.

Ein Vabanquespiel – von Jannik Sorgatz

Die Delle sah bedrohlich aus, doch seit Anfang des Jahres hat Werder das Schlimmste wirklich überstanden: Der Kader ist erstmals mehr wert als Ende 2010, so weit gehen die Zahlen auf dem Internetportal transfermarkt.de zurück. Die Inflation in den vergangenen Jahren war zwar sagenhaft, aber allein die Grafik hat eine beruhigende Wirkung, weil sie suggeriert, dass es bei Werder in die richtige Richtung geht – nach oben.

Mit Lob wird nicht gespart in der Szene, wenngleich eine Bezeichnung wie „schlechtestes Spitzenteam der Liga“ leicht vergiftet daherkommt. Der allgemeine Tenor ist positiv, auch die Entwicklung ist es zweifellos. Als Neunter hat Werder nach 23 Spieltagen schon 16 Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz. Jahrelang ging es darum, etwas zu verhindern, den Abstieg nämlich. Unter Trainer Florian Kohfeldt darf wieder geträumt werden, wozu auch Sportchef Frank Baumann einen erheblichen Teil beigetragen hat, wie die Marktwertkurve des Kaders untermauert. Die Frage ist: Rechtfertigt die Realität überhaupt so große Träume? Das neue Werder wirkt noch lange nicht so gefestigt, dass davon ausgegangen werden darf, in der nächsten Saison werde es automatisch so weitergehen, ganz unabhängig von der Endplatzierung im Mai, ganz unabhängig von Europa.

An potenziellen Gefahren mangelt es nicht. Da wäre zum einen das hohe Durchschnittsalter. Kohfeldt hat in dieser Saison bereits Mannschaften aufgestellt, die im Schnitt auf mehr als 28 Jahre kamen – selbst dann, wenn Claudio Pizarro nicht dabei war. Beim 1:1 gegen Stuttgart waren fünf Startelf-Spieler 30 Jahre und älter. Vor allem in der Defensive wäre eine Verjüngungskur nötig, vorne hat sie immerhin begonnen. Doch große Investitionen sind nur drin, wenn Schlüsselspieler mit enormem Gewinn verkauft werden, so wie Thomas Delaney im vergangenen Sommer. Seinen begehrtesten Spieler, Maximilian Eggestein, wird Werder diesmal jedoch unbedingt behalten wollen.

Mit einem Gesamtwert von 129 Millionen Euro liegt der Kader darüber hinaus nur knapp vor Hannover 96, Mainz 05 und dem FC Augsburg. Konkurrenten wie Hoffenheim und Gladbach, die einst Werders Traumweg vom Abstiegskampf nach Europa im Eiltempo zurückgelegt haben, sind finanziell längst in andere Sphären enteilt. Die Sportliche Leitung muss auf dem Transfermarkt weiter kreativ sein, Nischen entdecken und am besten nie danebenliegen. Kann gelingen, ist aber ein Vabanquespiel.

Doch es sind nicht nur die Finanzen, die Werders Grenzen definieren. Es fehlt an Ergebnissen, die die Intensität der Lobeshymnen rechtfertigen. Hertha BSC, Mainz 05 und Fortuna Düsseldorf haben bisher genauso viele Spiele gewonnen wie Werder. In den vergangenen 15 Spielen war Kohfeldts Mannschaft überhaupt nur dreimal erfolgreich. In vielerlei Hinsicht mag Werders Entwicklung blendend sein. Gleichzeitig tun die Verantwortlichen gut daran, sich nicht blenden zu lassen.

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Dies ist ein Artikel der "Mein Werder"-Redaktion des WESER-KURIER

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