Bremen Diese Werder-Personalie ist fast schon ein Fall für Bremens Kardiologen. Mit Herzrasen diskutieren viele Fans seit Wochen die eine Frage: Bleibt er - oder geht er wirklich weg? Ob im Stadion, beim Training, in Kneipen oder in Schulen: Seine Zukunft ist großes Gefühlskino, es geht um Leidenschaft und echten Werder-Kult. Im Internet kursieren Bettelbriefe, sogar in einem fernen Kontinent machen Zeitungen damit Auflage. Es geht schließlich um die Zukunft eines großen Werderaners: Claudio Pizarro. Es geht nicht um den besten Torschützen und Kapitän, Max Kruse. Im Gegenteil. Um Kruse ist es ruhig geworden. Fast schon verdächtig ruhig.

Im Training am Dienstag bekamen ihn die Fans am Weserstadion nicht zu sehen, Kruse trainierte individuell, wie so oft in den letzten Wochen. Ihn plagen die Spätfolgen aus den beiden Bayern-Spielen, der lädierte Oberschenkel bremst Kruse auf der Zielgeraden dieser Saison aus. Beim wichtigen Sieg in Hoffenheim war er gar nicht dabei, die Behandlung in Bremen ging vor. Immerhin konnte man in den Sozialen Medien sehen, dass es ihm gut geht. Er schaute das Spiel auf dem Sofa und pokerte am Sonntag für einen guten Zweck im heimischen Dachgeschoss. Die Fotos davon zeigen ihn in großer Runde. Es wurde viel gelacht.

Die Sache mit Tottenham

Geht es um Kruses Zukunft, sehen alle Beteiligten nicht so glücklich aus. Werders Sportchef Frank Baumann würde den auslaufenden Vertrag seines wichtigsten Angreifers gerne verlängern. Doch Kruse hält den Verein seit Wochen hin. Mit der Begründung, er wolle abwarten, ob noch ein absoluter Topklub anklopft. In diesem Zusammenhang fällt oft der Name Tottenham; doch in London haben sich die Kriterien für Neuzugänge in den vergangenen Wochen geradezu dramatisch verschoben. Tottenham steht im Finale der Champions League – und objektiv betrachtet gibt es nicht einen Aspekt, wie ihnen der inzwischen 31 Jahre alte Kruse auf dem Niveau weiterhelfen könnte. Dass auf Kruses Visitenkarte die Bezeichnung „aktueller Nationalspieler“ fehlt, öffnet ihm bei Topklubs auch keine Türen.

Hingegen spricht bei objektiver Betrachtung alles für Bremen. Hier fand er mit Werder einen Verein, der offensiven Fußball zelebriert und der seine Macken würdevoll erträgt. Ein Verein, der ihn sogar Kapitän sein lässt, obwohl er nicht der beste Repräsentant ist. Doch selbst dieser Schachzug von Trainer Florian Kohfeldt, Kruse durch die Spielführerrolle emotional enger an Werder zu binden, zeigt bei den Vertragsgesprächen wenig Wirkung. Kruses bisher elf Bundesligatore und elf Assists haben Begehrlichkeiten geweckt - bei ihm selbst. Unter normalen Umständen würde man die Vertragsverlängerung mit dem Kapitän nach so einer wunderbaren Saison für selbstverständlich halten. Doch Kruse macht das, was er gut kann: Er pokert.

Kruses Risiko steigt täglich

Mit jedem weiteren Tag geht er dabei ein größeres Risiko ein. Kohfeldt signalisierte bereits früh in dieser Rückrunde, dass er nicht in die Sommerpause gehen möchte, „ohne zu wissen, ob Max bleibt“. Die Sommerpause beginnt nächsten Dienstag. Baumann fordert Klarheit „im Mai“ und wiederholt geduldig all die Argumente, die für Werder sprechen – und die in der Vergangenheit immer bei Kruse zogen. Um überhaupt erst nach Bremen zu kommen, und um trotz besserer Angebote hier zu bleiben. Doch selbst in seinem schönsten Werder-Jahr scheint Kruse jetzt nicht mehr überzeugt.

Deshalb verfolgt Werder längst einen Plan B und hat Kandidaten für die Kruse-Nachfolge im Auge. Doch diese Spieler, die eine entsprechende Qualität haben, lassen sich nicht noch viele Wochen hinhalten. „Wir können natürlich nicht ewig warten“, sagt Baumann deshalb. Wenn der Tag komme, an dem sich Werder für einen anderen Spieler entscheiden müsse, so Baumann, dann wäre die Planstelle im Angriff besetzt und die Tür für Kruse erstmal zu. Der Sportchef, der mit seiner ruhigen Art ebenfalls als Pokerface Karriere machen könnte, hofft noch auf Kruse. Auch mit Blick auf die Quote: Kruses 22 Scorerpunkte sind der Topwert der Mannschaft und nicht so leicht zu ersetzen.

Rashica ist eine heiße Aktie

Wobei auch die Frage legitim ist, ob Kruse wirklich noch zwei weitere so starke Jahre im Tank hat. Die beste Nachricht für Werder ist bisher, dass sich die Mannschaft von den Gerüchten um die Zukunft ihres Kapitäns nicht irritieren ließ. Mal ging es um eine Rückkehr zu Gladbach, dann um AS Rom, immer wieder um Tottenham. Gegen Hoffenheim zeigte das Team am Wochenende, dass es wichtige Spiele ohne Kruse gewinnen kann, auch wenn das „deutlich schwerer ist“, wie Kohfeldt betont.

Mit einem guten Kruse-Ersatz wäre es in der neuen Saison aber auch wieder einfacher. Ohnehin könnte Werders Offensive dann ganz anders formiert werden. Mit Niclas Füllkrug, der für 6,3 Millionen Euro aus Hannover kommt, stößt ein Zentrums-Stürmer zum Team, hinter dem Yuya Osako eine gestaltende Rolle spielen könnte. Zudem schwebt über ganz Bremen die Gefahr, dass sich tatsächlich noch ein absoluter Topklub meldet – dann aber wegen Milot Rashica. Der Shootingstar dieser Saison hat sich mit elf Pflichtspieltoren ins Rampenlicht geschossen. Werder will Rashica unbedingt halten – aber wenn ein großer Verein bereit wäre, die inzwischen marktüblichen 40 Millionen plus X zu zahlen, müsste man das neu bewerten. Je früher ein solches Mega-Angebot für Rashica käme, desto verlockender wäre es, um mit einem solchen Rekordtransfer viele weitere Entwicklungsschritte einleiten zu können. Kruse und Rashica zu verlieren, wäre für Werder sportlich jedoch fatal. Beide schossen in dieser Saison mehr als ein Drittel der Bremer Tore.

Was wäre besser für Werder?

Wenn Kruse in den nächsten Tagen nicht verlängert, wäre ein plötzlicher Verkauf von Rashica für ihn wohl die einzige Chance auf eine Rückkehr an den Verhandlungstisch, solche Gespräche wären dann auch noch während der Vorbereitung möglich. Doch das ist nur ein Wenn-Dann-Szenario, das niemandem gefallen kann. Für jetzt gilt: Entweder Kruse kommt ganz schnell zur Besinnung, oder sein Nachfolger könnte schneller in Bremen sein, als Kruse glaubt. Was davon besser für Werder wäre, ist eine Frage, über die man so leidenschaftlich diskutieren kann wie über die Zukunft von Pizarro. Aber eine echte Herzensangelegenheit wird im Fall Kruse nicht mehr daraus. Wie so oft. Schon sein Vorgänger als Kapitän, Zlatko Junuzovic, trug die Binde nur ein Jahr und wechselte dann.

Dies ist ein Artikel der "Mein Werder"-Redaktion des WESER-KURIER

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