Bremen Die Grafik mit Max Kruses Ballaktionen beim 4:2 gegen Schalke sieht aus wie die Luftaufnahme eines Gartens, den ein Maulwurf umgepflügt hat. 85 Flecken verteilen sich beinahe über das komplette Spielfeld, so viele wie bei keinem anderen Akteur am Freitagabend. Dass ein Spieler überall zu finden und ständig involviert gewesen sei, sagt sich so leicht nach einer Leistung, die auch ohne statistische Rückversicherung offenkundig überragend war. Wie gut Kruse gegen Schalke war, das zeigt jede herkömmliche Fünf-Minuten-Zusammenfassung des Spiels, doch bei Werders Kapitän lohnt sich oftmals ein Blick auf die komplette Szene von der Balleroberung bis zum Abschluss.

Beim 1:1 benötigten die Bremer sieben Kontakte bis zum Tor von Milot Rashica, Kruses drei Aktionen haben beispielsweise bei DAZN gerade so den Schnitt überstanden: Pass zurück auf Moisander, der wieder zu Kruse, Doppelpass mit Davy Klaassen, Flanke von links auf Rashica. Bei der Entstehung des Elfmeters zum 2:1 ist Kruses Einfluss dagegen schon nicht mehr ganz zu sehen. Den Ball raus auf die rechte Seite zu Rashica spielte ebenfalls der 30-Jährige. Da Kruse von Jeffrey Bruma gefoult wurde und den Strafstoß selbst verwandelte, sammelte Werders Topscorer bei diesem Treffer gleich zwei Punkte auf einmal. Was er zum 3:1 beitrug, ging dagegen in keine offizielle Statistik ein: Die Flanke auf Maximilian Eggestein, der per Kopf auf Rashica verlängerte, brachte Kruse die neunte Vorlage zur Vorlage in dieser Bundesliga-Saison.

„Max Kruse war für mich der überragende Spieler auf dem Platz“, sagte Trainer Florian Kohfeldt. Der Titel geht gerade nach einer torreichen Partie oftmals vorschnell an den Mann mit den meisten Treffern, aber selbst Doppel-Torschütze Rashica dürfte sich nicht dagegen wehren, wenn Kruse die meisten Lorbeeren abbekommt. „Wenn er den Ball hat, musst du nicht zweimal überlegen, sondern kannst einfach starten“, sagte der Kosovare über seinen Kapitän. „Natürlich macht er auch Fehler und verliert Bälle“, meinte Martin Harnik, um Kruse zum Sinnbild des neuen Bremer Stils zu erklären: „Was ihn aber auszeichnet, ist, dass er weitermacht und mutig bleibt.“

An 22 von 43 Toren beteiligt

Der gefeierte Mann selbst mag die meisten Ballaktionen gehabt haben, bei den Mixed-Zone-Aktionen lag er wie so oft nicht vorne. Kruse ragt auf dem Rasen heraus, Kollegen wie Maximilian Eggestein, Davy Klassen und selbst der nicht als Wort-Wasserfall bekannte Philipp Bargfrede dürften verbal die intensiveren Botschafter des Kohfeldt-Fußballs sein. Bei Eurosport sprach Kruse: „Wir haben unsere Mittel genutzt, um das Spiel für uns zu entscheiden“, sagte er. „Immer nach vorne spielen, den Risikopass dem sicheren vorziehen, das ist unsere Philosophie.“ Werder ist seit acht Ligaspielen ungeschlagen. Dass Kruse seinen Einfluss auf die Torproduktion in dieser Phase noch einmal gesteigert hat, verwundert nicht.

Zählt man wie beim Eishockey die jeweils vorletzten Pässe mit, war Kruse an neun von 15 Werder-Toren nach der Winterpause beteiligt. In der kompletten Saison hatte er bei 22 von 43 Toren ein Körperteil im Spiel, in der Regel seinen linken Fuß. Der gebürtige Reinbeker ist ein nomineller Angreifer mit der Ballkontakt-Statistik eines Sechsers – mit dem Unterschied, dass sich seine Aktionen in der Regel viel näher am Tor abspielen.

Am Sonntag war Kruse beim Hamburger Derby zu Gast, die HSV-Besieger vom FC St. Pauli aus dem Jahr 2011 versammelten sich am Millerntor. Die meisten haben ihre Karriere inzwischen beendet, für Kruse ging die Karriere danach erst richtig los, trotz des späteren Abstiegs mit St. Pauli: Freiburg, Gladbach, Wolfsburg, Bremen – bis auf die Station Wolfsburg eine Erfolgsgeschichte. Am 19. März feiert Kruse seinen 31. Geburtstag. Mittlerweile ist es wissenschaftlich erwiesen, dass Fußballprofis deutlich früher ihren Zenit erreichen, mit 26 bereits, und mit 30 soll die Kurve dann nach unten gehen. Kruse hat im vergangenen Jahr keineswegs durchgängig auf höchstem Niveau abgeliefert, aber er ist weiter Werders wichtigster Mann.

Kleines Formtief im Herbst

Nicht zufällig fiel Kruses Formtief im Herbst mit der schwächsten Phase des Teams zusammen. Aus den ersten acht Spielen holte Bremen 17 Punkte, danach nur fünf aus neun, seitdem 15 aus acht. Gerade im November, als Werder in der Liga kein Spiel gewann, wurden die Debatten um Kruses Formtief besonders intensiv geführt. Schon im Dezember überzeugte Kruse dann wieder so sehr, dass ihn die Deutsche Fußball-Liga (DFL) für die Wahl zum „Spieler des Monats“ nominierte. Im Jahr 2019 lieferte Werders Kapitän bislang keinerlei Zweifel daran, dass er der „Most Valuable Player“ (MVP) in Florian Kohfeldts Kader ist. Sein Fitnesszustand wird inzwischen nur noch thematisiert, wenn thematisiert wird, dass er gar nicht mehr thematisiert wird.

„Einen kleinen Makel“ ließ der Trainer nach Kruses Eins-mit-Sternchen-Auftritt gegen Schalke dennoch nicht unerwähnt. „Er muss das 4:1 machen“, sagte Kohfeldt über die vergebene Großchance in der 79. Minute und schob scherzhaft hinterher: „Dann wechsle ich ihn auch nicht aus.“ So konnte Werder in der Nachspielzeit immerhin mal wieder ein Tor erzielen, an dem Kruse nicht beteiligt war. Kevin Möhwald schickte Martin Harnik auf die Reise. Den Sprint von der Bank zum Jubeln an der Eckfahne ließ sich Kruse trotzdem nicht nehmen.

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Dies ist ein Artikel der "Mein Werder"-Redaktion des WESER-KURIER

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