Bremen Es gibt da diese Geschichte. Zweifelsfrei bewiesen ist sie nicht. Als es nach dem WM-Viertelfinale 2006 zwischen Deutschland und Argentinien auf dem Platz richtig heiß herging, wurde Per Mertesacker von Cufre in den Unterleib getreten. Eigentlich, so heißt es, wollte der Argentinier aber gar nicht Mertesacker wehtun, sondern Tim Borowski. Er soll die beiden großgewachsenen Blondschöpfe nur verwechselt haben. Die Argentinier fühlten sich nämlich von Borowski provoziert. Ähnlichen Vorwürfen sah sich der Mittelfeldspieler auch schon einmal 2004 ausgesetzt, als Werder in der Champions League durch ein 2:0 in Valencia den Achtelfinal-Einzug schaffte. Festhalten lässt sich also: Borowski war ein Spieler, den der jeweilige Gegner nicht gerade mochte. Werder-Trainer Florian Kohfeldt fasste es so zusammen: „Boro hatte diese positive Arroganz.“

Mit seinem aufrechten Gang, seiner manchmal lässigen Spielweise und seinem körperlichen Spiel konnte Borowski Gegenspieler auf die Palme bringen – und dem eigenen Team in kritischen Phasen weiterhelfen. Inzwischen ist Borowski Werders Co-Trainer und nimmt laut Kohfeldt eine wichtige Rolle ein, wenn es um die Mentalität der Mannschaft geht. „Er lässt die Jungs immer wieder teilhaben. Wir wollen sie dahin erziehen“, verdeutlichte Kohfeldt nach dem 2:2 gegen Dortmund. Vereinfacht gesagt: In jedem Werder-Profi soll ein kleiner Borowski stecken. Ein Spieler also, der einen Gegner allein durch seine Präsenz und Ausstrahlung beeindrucken kann.

Und tatsächlich sind die Bremer auf einem guten Weg, was die Mentalität angeht. Innerhalb kurzer Zeit haben sie nun gegen die zwei besten deutschen Mannschaften mit 0:2 zurückgelegen. Die meisten Teams würden in solch einem Moment aufgeben und eine richtige Klatsche kassieren. Werder jedoch kam zweimal zurück. Im Pokal gegen die Bayern reichten knapp 60 Sekunden, um aus einem 0:2 ein 2:2 zu machen, am Ende gab es eine unglückliche 2:3-Niederlage. Gegen Dortmund dauerte die Bremer Aufholjagd fünf Minuten und brachte immerhin einen Punkt ein.

Eggestein, der emotionale Leader

„Wir sind dafür bekannt, dass wir zu Hause nie aufstecken. Das haben wir uns bewusst gemacht“, verdeutlichte Maximilian Eggestein. Dass Eggestein so etwas sagt, kommt nicht von ungefähr, denn in dem Mittelfeldspieler sieht Kohfeldt eine Art emotionalen Leader. „Maxi macht es nicht über große Gesten, aber er ist in solchen Momenten einfach da.“ Der Glaube daran, dass immer etwas geht, ist inzwischen nicht nur in Eggestein, sondern in der ganzen Mannschaft verwurzelt, sogar wenn es gegen die Schwergewichte der Liga geht. „Wir müssen lernen, auch gegen diese Mannschaften auf Augenhöhe zu spielen“, betonte Kohfeldt, der seine Mannschaft in dieser Hinsicht auf einem guten Weg sieht. „Du musst als Spieler das Gefühl haben, dass es geht, dann glaubst du selber dran. Du kannst offene Spiele haben gegen Bayern, Dortmund, Leipzig.“

Dass es gegen derartige Hochkaräter trotzdem Niederlagen geben kann, versteht sich von selbst. Aber Werder ist stabil genug, um diese Misserfolge zu verarbeiten. Nach zwei knappen Niederlagen gegen die Bayern und der Pleite in Düsseldorf hätte bei einem 0:2-Rückstand gegen Dortmund auch der große Einbruch folgen können, doch es kam ganz anders. In solch kritischen Situationen steht die fußballerische Qualität nicht mehr an erster Stelle, sondern die Mentalität entscheidet. Werder hat in diesem Bereich hart gearbeitet, seit Kohfeldt das Traineramt innehat. Dabei komme dem Sportpsychologen Andreas Marlovits eine wichtige Rolle zu, sagte der Coach. „Wie reagiere ich nach einem Rückschlag? Das ist Teil unserer Analysen.“ Natürlich ist auch Kohfeldt selbst wichtig. Er ist jemand, der nie aufgibt. „Der Trainer hat es vorgelebt, dass jeder dran glaubt“, berichtete Kevin Möhwald aus der Halbzeitpause des Dortmund-Spiels.

All die mentale Arbeit bei Werder scheint sich nun auszuzahlen. „Es spricht für die Mentalität dieser Mannschaft, dass wir zurückgekommen sind. Gegen einen Gegner wie Dortmund mussten wir als Mannschaft einiges kompensieren, um individuelle Qualität zu neutralisieren“, verdeutlichte Kohfeldt und fügte hinzu: „Ich bin stolz, aber nicht zufrieden. Die Art und Weise des Spiels hätte besser sein können, unsere Mentalität ist unfassbar.“

Endspiel gegen Hoffenheim

Also befand sich Werder nach dem Remis gegen Dortmund gewissermaßen in einem Zwiespalt zwischen dem nackten Ergebnis und dem guten Gefühl nach einer gelungenen Aufholjagd. „Tabellarisch ist die Ausgangslage nicht besser geworden, aber die mentale Ausgangslage ist viel besser geworden, weil wir etwas geschafft haben“, fasste Kohfeldt zusammen. Klar ist: Bei vier Punkten Rückstand auf den siebten Platz helfen Werder in den zwei ausstehenden Spielen gegen Hoffenheim und Leipzig nur zwei Siege weiter, wenn das Ziel Europa League noch erreicht werden soll.

Kohfeldt hat sich in dieser Saison schon mehrmals dagegen gewehrt, ein Spiel vorschnell als Endspiel um Europa zu titulieren. Jetzt sagte er aber zu den Journalisten: „Ihr könnt vom Endspiel in Hoffenheim schreiben.“ Und wer will ihm da widersprechen? Wenn Werder nicht gewinnt, ist die Europa League nicht mehr zu erreichen. Es geht um alles oder nichts, aber dass die Mannschaft an diesem Druck zerbricht, ist spätestens seit der mentalen Meisterleistung gegen Dortmund nicht zu erwarten.

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Dies ist ein Artikel der "Mein Werder"-Redaktion des WESER-KURIER

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