Oldenburg Tränen. So intensiv, ehrlich und herzzerreißend, wie sie keine Hollywood-Schnulze erzeugen kann. Arm in Arm sitzen wir da – und trauern. Es ist furchtbar und wunderschön zugleich. Und alles wegen des Katers.

Der Anruf von der Tierklinik kam am Samstag. Zwei Damen hatten ihn am Straßenrand gefunden und dorthin gebracht. Doch es war nichts zu machen. Gegen das Auto hatte selbst der flinke Kater keine Chance. Von jetzt auf gleich gab es ein Familienmitglied weniger.

Nach dem Schock nun die große Frage: Wie sage ich es dem Großen? Der sich so sehr ein Haustier gewünscht hatte. Der vor den Krallen des kleinen Energiebündels zwar häufig den Kopf einziehen musste, aber doch immer wieder betonte, wie lieb er ihn doch hatte. Seinen Kater. Wie sagt man einem Kind, dass etwas, das bislang Teil seines Alltags war, niemals wieder so sein wird? Dass sich Dinge auf einen Schlag ändern können? Dass das Leben manchmal scheiße ist?

Selbst die meisten Erwachsenen sind ja weit davon entfernt, souverän und routiniert mit Trauer umzugehen. Wie auch? Meist trifft sie einen unvorbereitet aus heiterem Himmel. Nicht wenige flüchten sich in Ausweichstrategien wie dumme Witze, Überstunden oder Alkohol. In der Regel kann man noch nicht einmal jemandem die Schuld geben und ihn beschimpfen. Und wenn doch: Was hilft’s wirklich?

Tatsächlich hatte ich Angst. Vor dem Moment, in dem bei meinem Sohn irgendwas zerbricht. Etwas, das nicht repariert werden kann. Das Vertrauen in das Leben. Der Glaube an das Gute. Was wäre, wenn der Verlust eine Wunde reißt, die nicht ganz verheilt?

Ich tat, was man eben macht, wenn man Angst hat: Ich schob es auf. Begründungen finden sich schnell: Für den Sonntag ist doch was Schönes geplant, das wollen wir nicht kaputt machen. Vor dem Schlafengehen ist ein schlechter Zeitpunkt, da bleibt wenig Zeit, darüber zu sprechen. Er hat bei all dem Programm ja gar nicht gemerkt, dass der Kater von seinen üblichen Streifzügen gar nicht zurück kam. „Papa“, sagt er vorm Einschlafen, „denk dran den Kater reinzuholen!“. Ich nicke nur stumm, weil ich ihn nicht anlügen will – obwohl ich es ja doch tue.

Am nächsten Tag haben wir alle Familienmitglieder und allen Mut beisammen, um es doch zu tun. Es kommt, was kommen muss: Tränen. Bei ihm, bei Mama, bei mir. Minutenlang. Es zerreißt mir fast das Herz, wie sehr ihn der Tod des Tieres schmerzt. Es ist auf der anderen Seite auch ein wunderschöner Moment. Weil sich mein Großer so eng an mich drückt, meinen Trost sucht und wir einen so intensiven, nahen und vertrauten Moment haben, wie man ihn selten erlebt.

Und ich bin stolz auf meinen Sohn. Weil er sich so emotional auf seinen Kater eingelassen hat. Und weil er zwischen all den Tränen diese Frage formuliert: „Warum können wir keine Treppe zum Himmel bauen und ihn zurückholen?“ Schöner hätte ich meine Gefühle auch nicht ausdrücken können.

Dies ist ein Beitrag aus „Mann, Kinners“, dem Vater-Blog auf NWZonline.

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