Oldenburg Ein Kollege berichtete mir neulich nach der Elternzeit von seiner gerade erst geborenen Tochter. Sie sei gesund, süß – und mittlerweile auch nicht mehr ganz so anstrengend, vor allem nachts. „Das hat uns niemand vorher erzählt“, klagte er an. Was? Dass Babys jungen Eltern nachts den Schlaf rauben können? Dass sie den ermüdeten Erzeugern am Tag auch keine Ruhe gönnen – und schreien, schreien, schreien? Dass diese Krise vielleicht nach ein paar Wochen an Heftigkeit verliert, dass aber gerade in den Nächten noch ein, zwei Jahre lang Betreuung oft vor Erholung kommt?

Nun, dann haben die Bekannten meines Kollegen zwecks Schonung der Jungeltern-Nerven offensichtlich geschwiegen, oder der Kollege hat die Hinweise dramatisch unterschätzt. Darum hier einmal zum Mitschreiben: Es! Ändert! Sich! Alles! Und! Wird! Nie! Mehr! So! Wie! Früher!

Schock verdaut, liebe Eltern mit Kinderwunsch? Dann fahren wir fort mit der Beschreibung dieses Notstands, der sich in einer Familie mit Kindern fortwährend verlängert – und den auch kein UNO-Mandat dieser Welt in den Griff kriegt. (Und bevor mir jemand Kinderhass unterstellt: Am Ende wird’s versöhnlich, versprochen!)

Erst Kind ins Bett, dann Holland

Am vergangenen Freitag hat meine Frau ihre Freundinnen eingeladen, um auf ihren Geburtstag vor ein paar Wochen anzustoßen. Zur selben Zeit läuft das Fußball-Länderspiel Deutschland gegen Niederlande im Fernsehen. Der Plan: Meine Frau bleibt bei ihren Gästen, ich bringe Fynn ins Bett – Eric schläft derweil bei seinem besten Freund, dem Sohn meines Nachbarn Nobbi – und gehe anschließend zu Nobbi zum Fußballschauen. 20.30 Uhr ist Anpfiff, das sollte kein Problem sein.

Sollte. Denn Fünfjährige spüren ganz genau, dass irgendetwas anders ist im Haus: der Bruder nicht da, aus dem Flur tönen viele laute Stimmen, Mama hat den ganzen Tag Zwiebelkuchen gebacken – und Papa sagt, dass er gleich noch zu Nobbi geht. Papas wissen das natürlich. Und so gönne ich prophylaktisch dem Kind einen besonders langen Fernsehabend (es gibt auch einen Teller Chips von Mamas Partytisch). Wenn alle etwas Außergewöhnliches machen dürfen, sollte der Jüngste nicht außen vor stehen, denke ich mir.

Anschließend lese ich noch eine extra lange Geschichte vor, bevor es ans Zähneputzen und Waschen (Lesen Sie dazu: „Morgenstund hält jetzt echt mal besser den Mund“) geht. Dies ist der Punkt, an dem die Stimmung etwas kippt. Denn statt ins Badezimmer wandert Fynn zunächst mal nach unten ins Wohnzimmer: Mama gute Nacht sagen. Okay, das ist natürlich auch noch eingeplant, aber dann ziehen wir es eben vor. Nur dauert das alles lange und länger, und als das Kind im Bett liegt – Mama muss selbstverständlich erneut persönlich antanzen, um noch einmal Gute Nacht zu sagen – sind es nur noch zehn Minuten bis zum Anpfiff. In meinem Kopf macht Nobbi schon ein Bier auf.

Die wichtigen Fragen vorm Einschlafen

Aber noch habe ich ja Chancen. Der Einschlafprozess läuft wie an jedem Tag: noch zwei-, dreimal nach Papa rufen, im Vorübergehen existenziell wichtige naturwissenschaftliche Grundlagenfragen beantworten („Papa, warum ist der Mond weiß? Und rund? Und haben hier bei uns auch Dinos gelebt?“) und die Decke zum wiederholten Mal über Füße ziehen – und schon ist Ruhe. Nach 20 Minuten. Naja, komme ich halt zehn Minuten zu spät.

Nobbi begrüßt mich mit einer Flasche Bier und der Nachricht, dass Deutschland schon mit 1:0 führt. Egal, jetzt wird entspannt, denke ich mir. Doch zunächst suche ich mir eine Pizza beim Bringdienst aus, denn von dem Zwiebelkuchen habe ich nichts abbekommen. Als der Pizzabote endlich kommt und ich ihm die Pizza 100 Meter vom Haus entfernt abnehme, weil er die Hausnummer von Nobbi nicht gefunden hat, kommt mir Eric im Haus entgegen. Ihm ist schlecht, sagt er – und möchte lieber wieder zu Hause schlafen. Zwischenzeitlich ist (und ich habe es nicht gesehen) das 1:1 gefallen.

Das ist der Moment, in dem ich meine Eigenständigkeit für diesen Tag komplett begrabe und die Vaterrolle wieder komplett ausfülle: Ich bringe Eric ins Bett, der Siebenjährige schläft aber erst, nachdem ich mich für eine Viertelstunde mit ihm ins Bett kuschele. Ein Blick aufs Smartphone: Es steht 2:3 – und ich habe keine Lust mehr auf Fußball.

Kinder rauben die Freiheit – und das ist schön

An solchen Tagen ärgere ich mich zunächst, dass ich mich zurücknehmen muss, dass mir meine Kinder meine Freiheit nehmen, nach einem anstrengenden Tag im Büro, auf den Straßen, im Haushalt. Aber der Ärger dauert meist nicht lange an: Manchmal müssen Eltern eben auf ihre Freiheit verzichten. Weil es Wichtigeres gibt: Kinder, die nicht schlafen können und mit hochrot verweinten Augen vor einem stehen. Kinder, die nachts aufwachen und in einer Urinlache liegen. Kinder, die mit blutenden Knien ins Haus gerannt kommen oder morgens kurz vor der Abfahrt ein Glas umschmeißen.

Wenn die Verantwortung wächst, stirbt die Spontanität – und manchmal eben auch die persönliche Freiheit. Aber wenn man sich damit für den Moment abgefunden hat und die Kleinen getröstet, ermutigt, gekuschelt oder sauber gemacht hat und sie es mit einem Lächeln auf den Lippen danken, dann kann mich die Freiheit mal. Dann bin ich 1000-mal lieber Papa ohne Freiheit als Fußballfan mit Bier und Pizza. Und besser als ein 2:4 gegen Holland ist das Elternsein ohnehin.

Dies ist ein Beitrag aus „Mann, Kinners“, dem Vater-Blog auf NWZonline.

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