Oldenburg Zum heutigen Thema gibt es einen etablierten Hashtag bei Twitter: #RosaHellblauFalle. Dort las ich kürzlich den Tweet einer Mutter, die ihrem Kind offenbar bewusst einen Namen gegeben hatte, der sowohl auf der Jungen- als auch auf der Mädchenseite vorkommt. Keinesfalls sollte jemand schon bei der Namensgebung das Geschlecht des Nachwuchses erfahren, um so ein völlig genderfreies Aufwachsen zu ermöglichen. Wie die Mutter in einigen Jahren damit umgeht, wenn die Geschlechtsmerkmale vermutlich deutlich zu erkennen sein werden, blieb unbeantwortet.

Um es kurz zu machen: Diese Ansicht ging mir deutlich zu weit. Männer und Frauen sind aus meiner Sicht gleichberechtigt (oder sollten es zumindest sein), aber nicht gleich. Das wäre doch ziemlich langweilig. Und die Beobachtung meiner und anderer Kinder zeigt mir ebenso, dass Jungs bestimmte Wesenszüge und Verhaltensweisen an den Tag legen, die bei Mädchen anders ausgeprägt sind, und andersherum.

Rosa eine Mädchenfarbe?

Jetzt folgt das Aber: Für mich gibt es einen Unterschied zwischen dem, was natürlich ist, und dem, was wir den Kindern vorleben. Dass Rosa eine Mädchenfarbe ist, dass nur Jungs mit Autos spielen, dass Mädchen nichts beim Fußball und Jungs nichts beim Tanzen zu suchen haben, ist in meinen Augen völliger Quatsch. Dass unseren Söhnen alle Farben, Aktivitäten und damit Wege dieser Welt offenstehen, versuchen die beste Mama der Welt und ich ihnen mitzugeben. Ich musste allerdings feststellen: Das ist schwieriger, als es klingt.

Ein Beispiel: Der Große zeigte sich beim Besuch einer anderen Familie begeistert von dem dortigen Kinderfahrrad: ein knall-pinkes Prinzessin-Lillifee-Modell. Welch ein Glück, dass es gerade zum Verkauf stand. Der Preis war attraktiv, also schlugen wir zu, schließlich hatten wir für uns beschlossen, dass es keine Jungs- oder Mädchenfarben gibt.

„Hör auf zu heulen, du bist doch kein Mädchen!“

So ein Vorhaben erfordert Selbstdisziplin, denn schließlich bin auch ich von meiner Umwelt geprägt worden. Natürlich meldete sich in mir sofort eine fiese Stimme im Hinterkopf, die Rosa, Glitzer und Co. von meinem Sohn fernhalten möchte. Und immer wieder muss ich mir auf die Zunge beißen, damit mir nicht die blödsinnigen Sätze meiner Kindheit, wie „Hör auf zu heulen, du bist doch kein Mädchen“, herausrutschen.

Mein verkorkstes Unterbewusstsein ist allerdings das kleinere Problem. Schlimmer ist: Es gibt noch so viele andere Menschen. Es dauerte nicht lange, bis der Große im Kindergarten zum ersten Mal mit der Frage „Warum fährst du ein Mädchenfahrrad?“ konfrontiert wurde. Aus dem Mund von Kindern, denen ich noch nicht einmal einen Vorwurf machen kann, weil sie lediglich die Worte von rückwärtsgewandten Vätern, Müttern, Großvätern, Fußballtrainern oder sonstigen Vorbildern nachplappern. Die Gedanken sind frei – wer’s glaubt.

Last auf den Schultern eines Fünfjährigen

Umso stolzer war ich, als der Große auf jene Frage einzig richtig mit „Weil ich’s schön finde“ antwortete. Beim zweiten Mal auch. Ebenso beim zehnten Mal. Irgendwann nicht mehr. Fast ein Jahr hielt er durch, bis sich eines Tages ein direkter Spielkamerad über das rosa Fahrrad lustig machte. Danach wünschte sich mein Sohn ein anderes Rad.

Wir steckten in der Zwickmühle: Sollten wir darauf bestehen, dass Geschlecht und Farbe nichts miteinander zu tun haben und der Große für diese Ansicht einsteht? Oder sollten wir uns dem Druck von außen beugen? Wir haben uns für letzteres entschieden. Weil es nicht die Aufgabe eines Fünfjährigen sein kann, sich tradierten Mustern entgegenzuwerfen. Weil es kein Vater und keine Mutter erträgt, wenn sein Kind ausgelacht wird.

Ich habe gelernt, dass es ein mühsamer Weg ist, hinaus aus der #RosaHellblauFalle.

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