Oldenburg Für Fußball-Fans sind es harte Zeiten: Die spannendste Frage in der Bundesliga ist, wann die Bayern als Meister feststehen und ob es da eventuell noch schneit. Seitdem der HSV abgestiegen ist, kann sich nicht mal mehr jemand fragen, wann er denn nun endlich in die Zweite Liga geht. Und dann sind da noch die großen (WM und EM) und die kleinen Turniere (Nations League, Confederations Cup): durchkommerzialisiert, aufgebläht bzw. wahlweise unnütz. Praktiziert wird das Ganze von kickenden Instagram-Accounts, laufenden Hashtags und exakt frisierten Vermarktungsopfern.

Und doch bleibt Fußball halt Fußball: der Deutschen liebster Sport und – aller femininer Entwicklungen zum Trotz – weiterhin DAS große Ding unter Männern. Insofern freut es mich als Vater schon, dass mein Ältester mit Freude Fußball spielt. Und auch im Fernsehen oder hin und wieder im Stadion genießt Eric jede Sekunde. Im Weser-Stadion – denn er ist Werder-Fan. Und das ist auch gut so, denn um ein Haar wäre der Super-GAU eingetreten: Ich hätte einen Bayern-Fan im Haus!

Sportschau schlägt Abendbrot

Als Eric vier Jahre alt war, fing er an, mit mir samstags die Sportschau zu schauen. Das war für mich allein deshalb erfreulich, weil ich den wöchentlichen Termin quasi als Familienzeit in den Kalender aufnehmen konnte. Viel zu selten hatte ich in den vergangenen Jahren die Zeit, mich am Samstag der Sportschau zu widmen. Man war mit der Familie unterwegs oder gerade beim Abendbrot (und gemeinsame Zeit und Rituale des Alltags sind nun mal wichtig!) Nun konnten wir das Abendbrot vor den Fernseher verschieben oder es zumindest pünktlich zu Ende bringen, wenn um 18.30 Uhr die Bundesliga-Berichterstattung begann.

Anfangs jubelte Eric schlicht über jedes Tor, das gezeigt wurde. Ball im Netz, Fans springen auf, Spieler bilden einen Freudenhaufen: Das steckt an! Irgendwann begann er, „für eine Mannschaft zu sein“. Das waren dann meistens die Roten oder die Blauen, und ich bemühte mich, zu ergänzen, wie die Mannschaft denn eigentlich hieß. Nächste Stufe: Das unterstützte Team wurde auf halber Strecke gewechselt. Freiburg führt 1:0 in Gladbach – „Ich bin für Freiburg!“ Gladbach gleicht aus: „Papa, ich bin eigentlich für Gladbach.“ Und so weiter…

Eines merkte Eric schnell: Sein Papa mag Werder Bremen – und vor allem: Er mag unter keinen Umständen den FC Bayern. Damit einhergehend brach eine provozierende Protesteinstellung hervor, die ich frühestens im Teenager-Alter erwartet hätte. Aber mein vier Jahre junger Sohn kam in die Küche, in der ich gerade die Spülmaschine einräumte, baute sich vor mir auf und verkündete breit grinsend: „Weißt du, welche Mannschaft ich ganz toll finde, Papa? Bayern!“

Bayern-Bettwäsche in meinem Kopf

Da war es geschehen. In mir brach alles zusammen. Ich dachte: Jetzt ist dein Kind auch so wie die Scharen von Erfolgsfans, die sich Woche für Woche an Siegen und Titeln aufgeilen, aber nicht den bitteren Geschmack von Abstieg, grauem Mittelmaß oder vergänglichen Höhenflügen einer Eintagsfliege kennen. Eric wollte mich ärgern, keine Frage. Aber was, wenn das Bayern-Fan-Sein anhält? In meinem Kopf sah ich mich schon Bayern-Bettwäsche kaufen und an roten Zahnputzbechern vorbeigehen. Kinder gehen schnell den Weg des geringsten Widerstands, und Fan des FC Bayern zu sein, wirkt auf sie wie eine makellose Rutschbahn mit flüssiger Schokolade als Rutschbeschleuniger. Das war auch in meiner Kindheit so – und hält sich auch bei vielen Erwachsenen. Kein Interesse an Fußball, aber wenn – dann: FC Bayern!

Einziger Lichtblick: Kinder ändern schnell ihre Meinung! Und darauf baute ich. Immer wieder schmiss ich bei Max Kruses Toren die Jubelmaschine an, schwärmte für das schöne Grün der Trikots und ließ bei Bremen-Besuchen nicht aus, dass hier ja Werders Stadion liegt. Und dabei hoffte ich, dass dieser väterliche Werder-Zug nicht in Richtung Kontraproduktivität fuhr, Eric also erst recht zum Bayern-Fan werden ließ.

Von der Langeweile, ein Bayern-Fan zu sein

Dann aber folgte der Durchbruch. Ich sagte etwas, das meinen Sohn wohl zum Nachdenken anregte: „Bayern-Fan zu sein ist langweilig“, holte ich aus, als Eric vorm Schlafengehen noch eine wichtige Fußball-Frage beantwortet haben wollte. „Die gewinnen jede Woche. Daran ist gar nichts mehr spannend. Bei Werder kann man sich nicht sicher sein, ob sie gewinnen – und Siege machen da umso mehr Spaß!“ Offensichtlich fingen seine grauen Zellen daraufhin mit der Schwerstarbeit an.

Und mein Appell hatte Erfolg: Heute – Eric ist 7 – hängt eine Werder-Flagge in seinem Zimmer, bei Spotify wünscht er sich „Lebenslang grünweiß“ rauf und runter, und an unserer Kindergarderobe hängt ein Werder-Schal. Wenn die Bayern verlieren, jubelt mein Sohn am lautesten. Und für Papa sind die Fußball-Zeiten ein bisschen weniger hart.

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