Oldenburg „Papa!!! Und wie sieht der heilige Geist aus?“, fragt mich Fritz völlig unvermittelt. Zusammen sitzen wir am Küchentisch und malen mit Wasserfarben. Perfekte Beschäftigung für 20 Minuten, das Hin- und Wegräumen inklusive Saubermachen kostet mich auch nur eine halbe Stunde. Und dann kommt aus dem Hinterhalt diese theologische Nachfrage, auf die ich erstmal nur brabbeln kann: „Was? Hä? Weiß ich nicht. Und warum?“ Fritz möchte das Gespenst der Christen malen. Im Kindergarten haben sie Geschichten von ihm gehört und jetzt gehört er für Fritz ganz selbstverständlich zum Alltag.

Das spirituelle Fitnessstudio

Von mir hat er das jedenfalls nicht. Ich bin selbst vor Jahren aus der Kirche ausgetreten. Ich komme aus einer tiefkatholischen Gegend, dort wurde vor jedem Schultag gebetet, und wer am Sonntag nicht auf der Kirchenbank kniete, wurde am Montag schräg angeschaut – von Mitschülern und Lehrern. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass man mir den Spaß an der Kirche, sollte er vorhanden gewesen sein, damals gründlich ausgetrieben hat. Der Religionsunterricht in den folgenden Jahren hat sein Übriges dazu beigetragen. Als Erwachsener war Kirche für mich dann nur noch so etwas wie eine spirituelle Fitnessstudiomitgliedschaft – man zahlt, geht aber nie hin. Also habe ich gekündigt.

Und eigentlich sollte Fritz von Beginn an ganz aus dem Verein rausgehalten werden. Meiner Meinung nach. Meine Frau sah das anders. Und so wurde Fritz zum Katholiken.

Womit wir wieder beim Heiligen Geist wären: Fritz will wissen, wie er aussieht. Ich druckse rum: „Naja, der sieht wohl für jeden anders aus. Es ist mehr eine Idee, die für jeden anders ist.“ Verständnisloser Blick. Wie soll man auch mit einem Dreijährigen theologisch-philosophische Fragen durchdeklinieren? Einerseits möchte ich ihm eine Antwort geben. Andererseits widerstrebt es mir zutiefst, ihm diesen, meiner Meinung nach, Humbug zu erzählen. „Du sollst nicht lügen“, heißt es doch irgendwo in der Bibel, und genau das möchte ich auch nicht tun. Vielleicht steckt ja doch noch ein Christ in mir.

„Mal doch mal den heiligen Geist“

Egal. „Was meinst du denn, wie er aussieht. Mal ihn doch einfach so, wie du meinst“, rette ich mich aus der Situation, indem ich Fritz das Kommando übertrage. „Ja, das kann ich machen“, kommt zurück, und ich wische mir den atheistischen Schweiß von der Stirn. Gott sei Dank!

Wenig später bekomme ich das Werk überreicht. Eine schwarze Wolke auf schmucklosem Druckerpapier. Das ist er also, der heilige Geist. Zumindest für Fritz. Der hat von unserer tiefgreifenden Diskussion nun allerdings auch genug – oder er hat sie schlicht vergessen. Jedenfalls steht er jetzt wortlos auf, geht in sein Zimmer und spielt mit Plastik-Dinos. Und ich räume die Wasserfarben weg.

Dies ist ein Beitrag aus „Mann, Kinners“, dem Vater-Blog auf NWZonline.

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