Oldenburg Es war ein gemütlicher Herbsttag auf einem Spielplatz, irgendwo rund ums Oldenburger Zentrum. Die Bäume standen in bunter Pracht da, unter den Füßen knirschte das rotbraune Laub. Kinder tollen durch den Sand und auf den Klettergerüsten, sie schreien, lachen, hin und wieder quengelt jemand. Und neben mir steht eine Mutter, die ihrem nicht mal zweijährigen Kind immerzu zuruft: „Honey, turn around!“

Das wäre ja an sich nichts Ungewöhnliches, wenn es sich um eine Britin, Amerikanerin oder Nigerianerin gehandelt hätte. Doch se Dschörmänn Äcksent is opviäss. Was passiert hier? Eine Deutsche, die sich mit den anderen Eltern und Kindern auf Deutsch unterhält und auch ihr Kind zum Teil auf Deutsch anspricht, mutet dem Kind, das gerade seine ersten Worte lernt, englische Sprachfetzen zu. Warum, frage ich mich.

Zweisprachig aufgewachsen oder gezwungen?

Natürlich kann es sein, dass es sich um ein zweisprachig aufwachsendes Kind handelt. Doch soll in dem Fall nicht der „Native Speaker“, also beispielsweise der australische Vater, seine Muttersprache sprechen? Die Mutter ist ganz bestimmt nicht mit Englisch aufgewachsen, das hat man gehört. Wie auch immer, vielleicht gab es eine passende Erklärung, warum die Mutter ihrem Schützling unbedingt in der Sprache Shakespears’ eine 180-Grad-Drehung auftragen sollte.

Ich hatte jedoch einen anderen Verdacht: ein klarer Fall von Frühförderitis! In einer effizienzgetrimmten Welt, in der lebenslanges Lernen mit der Dauereinsatz-Formel 24/7 (Honey, just for you: Twentyfour/Seven heißt so viel wie 24 Stunden pro Tag und sieben Tage in der Woche) aufeinander treffen, müssen die Kleinen möglichst früh ihren Standortvorteil ausbauen und die Konkurrenz hinter sich lassen. Eine Fremdsprache, schon vor dem Kindergarten-Alter gelernt, wäre da doch Gold wert, oder nicht? Das Kind als Mini-Me (bzw. besser: als Mini-Wannabe-Me) parliert fließend auf Englisch, Spanisch und (Achtung, Globalisierung!) Chinesisch, spielt nebenbei Selbstkomponiertes auf Piano und Violine und rezitiert schließlich wahlweise Goethe, Brecht oder Grass.

Unsicherheiten in der Erziehung

All das spielt sich nur in meinem Kopf ab, ich möchte der Dame diese Förder-Orgie gar nicht unterstellen. Aber derart übertriebene Gedanken sind doch auch nur ein Spiegelbild der elterlichen Unsicherheiten, was die Erziehung angeht. Wir Eltern wollen unsere Kinder fordern, sie aber gleichzeitig auch einfach nur Kind sein lassen. Wir wollen ihre Begabungen erkennen und sie zielgenau fördern – ohne dabei Druck auszuüben. Sie sollen das Leben in all seinen Facetten kennen lernen und vor allem scheitern dürfen.

Wer hier zu viel von seinem Kind verlangt, kann nur verlieren. Und ihm eine Fremdsprache, die weder Mama noch Papa mit der Muttermilch aufgesogen haben, hilft niemandem weiter. Das Kind wird sie nicht lernen, sondern sich allenfalls zwei, drei Vokabeln merken – und die Eltern muten sich eine Anstrengung zu, die das Leben mit Kind noch einmal auf eine höhere Stressstufe stellt (und sie zudem der Lächerlichkeit preisgibt). Allen Eltern, die diesen Weg eingeschlagen haben, möchte ich zurufen: Turn around! It’s never too late!

Dies ist ein Beitrag aus „Mann, Kinners“, dem Vater-Blog auf NWZonline.

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