Oldenburg Apfelmus, Orgasmus, Rassismus – mit dem ersten konfrontieren Eltern ihre Kinder schon früh, das zweite spielt erst dann eine Rolle, wenn sie mit hochroten Köpfen über Geschlechtsteile und deren Nutzbarkeit sprechen, und das dritte? Gehört Rassismus mit aufgenommen in das Wir-erklären-dir-die-Welt? Man liest doch so viel in diesen Tagen, dass es Rassismus bei uns gar nicht gibt, oder dass Schwarze genauso schlimm (wenn nicht schlimmer) wären wie Weiße, und überhaupt: „Ich habe gar nix gegen N****.“ Muss ich (weiß) meine Kinder (ebenfalls weiß) damit behelligen?

Aber Hallo! Sehr wohl gehört das Thema auch ins Kinderzimmer! Bei Eltern und Kindern, die vom Erscheinungsbild des durchschnittlichen Mitteleuropäers abweichen, ohnehin (denn diese Kinder brauchen das Rüstzeug für die scheinbar unvermeidliche Konfrontation mit Rassismus) – aber gerade auch in weißen Familien muss darüber geredet werden, um das Problem zu bekämpfen.

Und wenn eine Gesellschaft (der man selbst angehört) ein Problem hat (das man aber selbst empört von sich weist), ist es am besten, selbstkritisch nachzufragen: Wo war und bin ich selbst rassistisch? Und da es hier um Väter und Kinder geht, blicke ich zunächst zurück in meine eigene Kindheit.

Erinnerungen an meinen eigenen Rassismus

Ich erinnere mich an eine Szene. Sie spielt im Kinderzimmer meines damaligen Freundes Tom. Ein Wohnblock in den 1980ern. Ich war circa sechs Jahre alt. Wir blickten hinunter auf den Hof, wo ein schwarzer Mann lief. Ich sagte: „Iiih, da ist ein N****“. Woher ich diesen schrecklichen Gedanken hatte? Keine Ahnung. Meine Eltern haben mir das bestimmt nicht beigebracht. Wer weiß, wo ich es aufgeschnappt habe. Mein Freund Tom war damals weiter als ich: „Ich finde nicht gut, dass du dich über N**** lustig machst“, sagte er sinngemäß. Er stand also auf für die Aussage, dass kein Mensch seiner Hautfarbe wegen eklig oder abstoßend sei – benutzte dabei aber das N-Wort. Damals ein ganz normaler Vorgang (selbst in der Verteidigung gegen Rassismus), denn wir sind aufgewachsen mit der Annahme, dass es sich dabei um eine angebrachte Beschreibung von schwarzen Menschen handelte. Erst als Jugendlicher lernte ich um.

Ich halte mich nicht für rassistisch, aber ich habe definitiv rassistische Dinge gesagt in meinem Leben – wenn auch mit sechs Jahren, da glaubte ich auch noch, dass es Menschen auf dem Mond gibt oder dass Samson aus der Sesamstraße echt ist.

Kinder erkennen Hautfarben – aber sie bewerten sie nicht

Wie sieht es bei meinen eigenen Kindern aus? Meine Kinder haben in Kindergarten und Schule Kontakt mit Kindern mit dunklerer Haut als ihrer eigenen, wenn auch wenigen. Meine Taktik war immer, diesen Unterschied gar nicht anzusprechen. Weil ich davon überzeugt bin, dass der Mensch nicht mit Rassismus geboren wird. Kinder sehen in erster Linie Menschen. Und wenn sie erkennen, dass manche Menschen blond sind und andere dunkelhaarig, manche lange Nasen haben und andere kleine Ohren oder eben unterschiedliche Hautfarben, dann nutzen sie diese Unterschiede, um Menschen zu erkennen, aber nicht um sie anhand dieser Merkmale zu bewerten.

Und dann kam plötzlich dieser Tag, an dem mich mein Sohn schockierte: Als er vier war, kam er aus dem Kindergarten und erzählte, dass ein Junge ihn gehauen hätte. „Der ist blöd“, schnauzte er. „Der hat ja auch eine dunkle Haut.“ Wow. Das saß. Und schon erkannte ich mich selbst wieder, damals im Kinderzimmer in den 80ern. Auch hier gilt: Von mir oder meiner Frau hatte er das nicht! Weiß der Geier, wie er sich diesen Zusammenhang zusammengesponnen hatte. Schnell entgegne ich ihm, dass niemand ihn hauen darf – aber dass das rein gar nichts mit der Hautfarbe zu tun hat.

Von diesem Tag an achte ich verstärkt darauf, dass dieser Rassismus im Kleinen bei uns keinen Platz hat. Und in Zeiten von #BlackLivesMatter erkläre ich meinen Kindern, warum Menschen auf die Straße gehen und dass es böse Menschen gibt, die glauben, dass dunkelhäutige Menschen weniger wert sein als hellhäutige und dass sie nicht dazugehören. „Der Amar aus meiner Klasse kommt aus Afghanistan“, sagt mein Ältester daraufhin. „Und der gehört natürlich zu uns!“ Ich glaube, wir sind auf einem guten Weg. Jetzt muss ich nur noch erklären, was ein Orgasmus ist... Aber das hat noch Zeit.

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