Oldenburg „Oh Sam, du hast es wieder einmal geschafft“, rief Dilys. Feuerwehrmann Sam schloss das Ventil an seinem Löschschlauch. Der Heizlüfter, der im Supermarkt wegen eines Kurzschlusses Feuer gefangen hatte, qualmte nur noch ein wenig. „Ich mache nur meinen Job“, sagte Sam. Doch es half nichts: Schon warf sich Dilys ihm an den Hals.

Hinter vorgehaltener Hand nannte man sie bereits den „Puma von Pontypandy“. Egal ob beim pensionierten Feuerwehrhauptmann Steele, bei Hubschrauberpilot Tom oder eben bei Sam – immer schaltete die Supermarktchefin in den offensiven Flirtmodus, wenn ihr ein Mann in die Finger geriet. Das war schon damals so, als der erbarmungswürdige Trevor mit allen Mitteln um ihr Herz warb und doch immer mit ansehen musste, wie Dilys es nicht lassen konnte, auch anderen zuzuzwinkern. Seinen Tod hatte sie nach außen hin fast gefühllos aufgenommen. Vom eigenen Bus überrollt, ein Unfall, so das Ergebnis der offiziellen Untersuchung. Doch die meisten in Pontypandy waren sich sicher, dass der depressive Trevor die Handbremse mit Absicht nicht richtig angezogen hatte. Tief in ihrem Inneren wusste das auch Dilys.

Dass vor einem Jahr nun auch ihr geliebter Norman zu Jugendhaft verurteilt wurde, hatte ihr endgültig den Rest gegeben. Die vielen Brände, Explosionen und Unfälle, die auf seine Kappe gingen, waren nicht mehr mit einfachen Entschuldigungen glattzubügeln. „Mum“, hatte er geschrieben, „ich war es nicht, wirklich.“ Aber selbst seine Mutter glaubte ihm nicht mehr. Damit ihr Herz nicht vollends zerbrach, versuchte sie sich seit dem, mit möglichst vielen Affären abzulenken. Auch jetzt, als sie die Arme um Sam schlang, wanderte ihre Hand langsam nach unten. Sanft kniff sie dem Feuerwehrmann in den Po. Doch der wich zurück. „Lass gut sein, Dilys, ich muss jetzt wirklich los.“

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Schnell bestieg er Jupiter und ließ den Supermarkt hinter sich. Es war nicht viel los auf Pontypandys Straßen. Warum auch, viele Geschäfte waren schließlich verrammelt. Das Kabeljau-Café hatte die erzwungene Schließung in der Corona-Krise nicht überlebt. Pizzeria-Betreiberin Bella war nach dem Brexit ausgewiesen worden. „Blöder Nigel Farage“, murmelte Sam, der Bellas Pizza vermisste.

Plötzlich nahm er im Augenwinkel eine Gestalt wahr und bremste. War das tatsächlich Elvis, der in der Nebenstraße am Boden hockte und auf seiner Gitarre herumzupfte? Vor ihm lagen ein geöffneter Gitarrenkoffer und eine leere Flasche Whiskey - natürlich Bourbon. Es war ziemlich bergab mit ihm gegangen, seit er wegen seltsamer Vorfälle aus dem Feuerwehrdienst entlassen worden war. Plötzlich drehte Elvis den Kopf, entdeckte Jupiter und wollte etwas rufen. Doch Sam gab Gas.

In der Feuerwache machte sich Sam auf den Weg in den Pausenraum, doch Pennys Stimme dröhnte aus dem Lautsprecher. „Sam, kommst du mal bitte in meine Büro?“ Pah, ihr Büro. Sam konnte es immer noch nicht fassen, dass Hauptbrandmeister Boyce nach der Pensionierung des alten Steele sie zur Hauptfeuerwehrfrau befördert hatte, obwohl er doch an der Reihe gewesen wäre. Alles nur, um der Feuerwehr ein modernes Image zu verpassen. „Quotenweib“, grummelte Sam.

Missmutig stapfte er in ihr Büro – und erstarrte, als er sah, was auf ihrem Schreibtisch stand. „Die habe ich im Venus gefunden, mit dem du zuletzt unterwegs warst“, sagte Penny mit tonloser Stimme. Ihre Augen blitzten ihn wütend an, als sie auf die Kanister zeigte. „Das sind Brandbeschleuniger, Sam.“ Das wusste er natürlich. „Genau dieselben Brandbeschleuniger, die laut Untersuchung bei der Brandserien in der vergangenen Woche benutzt wurden“, setzte sie ihre Anklage fort. Auch das war nichts Neues für ihn.

Er wollte doch einfach nur ein Held sein. Sam, der Mann, dem alle auf die Schulter klopfen. Aber im verschlafenen Pontypandy war doch nichts los. Wie sollte er sich da beweisen? Also sorgte er schon seit langer Zeit selbst für Action. Ein kleiner Brand hier, ein Mini-Sprengsatz dort, keine große Sache. Klar, ein paar Mal wäre man ihm fast auf die Schliche gekommen. Aber die Vorfälle Sündenböcken wie Norman oder Elvis in die Schuhe zu schieben, war Sams leichteste Übung gewesen.

Doch die Konfrontation durch Penny erwischte ihn nun auf dem falschen Fuß. Jetzt hieß es, improvisieren. „Wie konntest du nur, Sam?“, flüsterte Penny und versuchte gar nicht erst, die Verachtung in ihrer Stimme zu verbergen. Sam griff nach einem schweren Schraubenschlüssel aus einem Werkzeugkasten, der neben der Tür stand und wog das Werkzeug in seiner Hand. Die Entschlossenheit in Pennys Augen wich der Angst. Sam schloss leise die Tür und drehte den Schlüssel um, bevor er sich betont langsam wieder Penny zuwandte. Sein Lächeln war eiskalt. „Ich mache nur meinen Job.“

Patrick Buck stv. Redaktionsleiter / Redaktion Oldenburg
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