Oldenburg Die Vorlesezeit: Sie gehört zu den festen Ritualen am Abend. Und ich genieße es, wenn der Große (dem Kleinen fehlt noch ein wenig die Zuhörgeduld) tatsächlich einmal mir das Reden überlässt und gebannt den Worten lauscht, die ich diesen anachronistischen Druckerzeugnissen namens Bücher entlocke. Eine Wohltat in einer Welt der Bildschirme.

Doch wie schon Konfuzius sagte: Augen auf beim Eierkauf. Die Welt der Bücher mag zwar klassisch daherkommen. Doch vor modernen Einflüssen ist auch sie nicht gefeit. Unterschwellige Werbung und Fake News sind hier an der Tagesordnung. Gerade im Bereich der beliebten kleinen Pixie-Bücher finden sich Exemplare, bei denen ich gar nicht weiß, ob ich ob der plumpen Anbiederungsversuche lachen oder weinen soll.

Dabei denke ich zum Beispiel an „Oli im Zoo“. Der junge Mann fährt, wie der Titel schon verrät, mit Opa ins Tiergehege nach Hannover (da geht’s schon los – wer will schon nach Hannover). Der Komfort ist unbeschreiblich. „Ein Bus bringt sie vom Bahnhof direkt zum Zooeingang“. Aber klappt es mit der rechtzeitigen Rückfahrt? Schließlich muss Opa ja noch ein Ticket kaufen. „Keine Sorge“, beruhigt der alte Mann. „Wir haben doch das Niedersachsen-Ticket gelöst. Das gilt für die Hin- und Rückfahrt mit dem Zug und für die Busfahrten.“ Kein Wunder, dass Oli bei diesem Angebot ganz aus dem Häuschen ist.

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Die Bahn kommt – wie immer zu spät.

Natürlich hat die Bahn das Heftchen herausgegeben. Darum findet das Opa-Enkel-Duo selbstverständlich ohne Probleme einen Sitzplatz, wie üblich im Regionalverkehr. Allerdings rutscht den Marketing-Autoren dann aus Versehen doch ein Stück Realität in ihren Bestseller: Also Oli im Zug feststellt, dass sich ein Affe aus dem Zoo in seinem Rucksack versteckt hat, meldet das der Schaffner beim Tierpark – und dessen Mitarbeiter sind mit dem Transporter noch vor dem Jungen und seinem Opa am Zielbahnhof. Das Auto schlägt den dauerverspäteten Bummelzug um Längen – jetzt wird eine lebensnahe Geschichte daraus.

Ein weiterer Leckerbissen in unserem Bücherregal: Finns Abenteuer als Bauherr. Oh, wie freut sich der Bengel, über die Ferien bei Oma und Opa zu sein. Und was haben die Großeltern Spannendes vor? Sie bauen den Dachboden aus. Finn macht Luftsprünge, vor allem, weil es jetzt gemeinsam in den Baustoffhandel geht, in dem er sogar eine Führung bekommt. „Er hatte sich das heimlich schon gewünscht“, frohlockt der Autor. Welches Kind wünscht sich das nicht?

Der Baustoffhandel – besser als jedes Spieleparadies

Zumal, wenn ein Superheld wie „Karsten, der Modernisierungsberater“ seine Welt erklärt und wirklich auf alles eine Antwort hat. Während Opa schon der Schweiß ausbricht, wie er das ganze Zeug ins Auto bekommen soll, bleibt Karsten ganz cool. „Selbstverständlich liefern wir euch alles nach Hause.“ – „Toll, dass du als Modernisierungsberater an all das denkst, was uns nicht in den Sinn kommt“, antwortet Opa erleichtert. Wenn solche Dialoge nicht reif sind für den Deutschen Buchpreis, dann weiß ich auch nicht. Überragend ist zudem der Cliffhanger. „Im Frühjahr will deine Oma den Garten ungestalten. Dann fahren wir wieder in den Baustoffhandel“, verspricht Opa. Ich will nicht spoilern: Aber ich habe Teil 2 gelesen. Hammer! Danke ungenannte Baumarktkette für diesen Lesegenuss.

Bedingungslos zu empfehlen ist auch „Sam und der Plastikplan“. Allein schon die Dramaturgie mit dem Tränenmoment gleich am Anfang: Sam findet einen toten Fisch. Diagnose der großen Schwester: Plastikmüll, der leise Killer des 21. Jahrhunderts. Nur der Vater darf von dieser Obduktion im Kinderzimmer nichts wissen. „Denn bei Papa kommen nur tote Tiere ins Haus, die man einkaufen kann.“ Endlich mal ein anständig männliches Rollenbild.

Bloß den toten Fisch verstecken, während Papa das tote Huhn verarbeitet.

Sam will etwas ändern und will Plastiktüten anziehen statt sie wegzuwerfen. Natürlich hat Mama bereits einen besseren Plan. Sie zeigt auf das Etikett in einer Jacke, die aus alten Plastikflaschen hergestellt wurde. Tolle Erfindung. Wenn man jetzt wüsste, wie die Marke heißt. Ach ja, das steht’s ja, eine Seite weiter, wie praktisch. Glücklich springt Sam in seiner modischen Umweltretterjacke zurück in den Regen. Kein Tränen mehr, die Welt ist gerettet, scheiß auf den toten Fisch, der immer noch bei seiner Schwester im Zimmer vor sich hin verwest. „Vergnügt platscht er in eine Pfütze und hat den kleine Fisch schon ganz vergessen“. Die Vergangenheit hinter sich lassen, den Blick nach vorne richten, möglichst auf das nächste Klamottengeschäft – so soll’s doch sein.

Der Große schläft jetzt. Die letzte Geschichte heben ich mir dann für morgen auf. Als Höhepunkt der Reihe. Sie heißt: „Ein Pfund Mett zum Knallerpreis für nur 1,99 Euro“.

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