Oldenburg „Und, wie war es heute im Kindergarten?“ will ich von Fritz wissen, als wir auf dem Weg von der Kita nach Hause sind. „Gut“, ist die knappe Antwort und ich will mich schon wieder mit anderen Dingen beschäftigen, als der nun fast Vierjährige mit der Relativierung rausrückt: „Aber Timo ist nicht mehr mein Freund. Der ist ein Arschkopf!“. Bitte was?? „Arschkopf. Das ist, wenn man doof ist“, bekomme ich Nachhilfe in Smack-Talk von meinem eigenen Kind. „Ok, aber ihr habt doch gestern noch toll miteinander gespielt“, hake ich nach. „Aber jetzt ist der ein Arschkopf“, lautet das Urteil, welches anscheinend nicht anfechtbar ist. Und damit lassen wir beide die Sache erst einmal auf sich beruhen.

„Sch…eibenkleister“

Ehrlich gesagt: Ich hätte es kommen sehen müssen. Die fleischgewordenen Kopierer aus dem eigenen Genpool spiegeln eben nur unser eigenes Versagen wider. Auch im verbalen Bereich. Und wie soll er denn auch anders werden, bei den Eltern? Andere Erziehungsberechtigte achten penibel auf die eigene Ausdrucksweise. Da wird das handliche Alltagswort „Scheiße!“ mal schnell zu „Sch…eibenkleister“ umgedichtet. Was sollen denn sonst die anderen Eltern denken? Jetzt wird in unserem ehrenwerten Hause nicht im Übermaß geflucht, aber so ganz ohne emotionale Verbalisierung lässt sich halt kaum ein Tag durchstehen. Aber „Arschkopf“? Das muss er woanders aufgeschnappt haben! Überhaupt: Was ist das eigentlich für ein Kindergarten?

Mit der Zeit mehren sich dann die Kraftausdrücke. Auch die Eltern sind zwischendurch noch „Arschköpfe“, gerne wird aber auch das S-C-H-Wort eingestreut oder eben ganz neu kreiert. Ganz beliebt derzeit: Doof + X: Doofnase. Doofmann. Doofgesicht. Doofpapa. Aus, der letzte tat weh!

Ich selbst bin ja ein Freund der blumigen Sprache, gerade, wenn etwas nicht so funktioniert, wie es soll. Kein Wunder also, dass Fritz seine Legos anpöbelt. Immer noch besser, als würde er ihnen Schläge androhen. Doch wie als Vater reagieren, auf dass das eigene Kind einen nicht beim Flüche-Wortschatz überholt? An Patentrezepten scheint Mangel zu herrschen, denn ich höre und lese Lösungsvorschläge von „Einfach Ignorieren“ bis hin zu Aufforderungen zur Maßregelung.

Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung, oder?

Mit allen Varianten werde ich nicht so wirklich glücklich und erkenne schließlich, dass es am Vater liegt, sich zu ändern. Also: Ruhig durchatmen, bevor der Frust über andere Verkehrsteilnehmer raus muss. Keine Extra-Kommentare mehr beim gemeinsamen Fußballgucken. Und vielleicht ist die Deutschrap-Playlist doch nicht das Richtige für den Weg nach Hause. Mäßigung ist das Stichwort!

So bilde ich mir ein, dass ich tatsächlich Einfluss nehmen kann. Und tatsächlich: Gegenüber mir wird der Ton nicht rauer. Einmal Gelerntes wird natürlich nicht vergessen. Aber man muss es ja nicht noch schlimmer machen, denke ich mir und überschätze meinen eigenen Einfluss auf die sprachliche Entwicklung. Das wird kurze Zeit später schmerzlich klar, als ich beim Abholen mit „Hallo, du kleiner Furzbaron!“ begrüßt werde. Ich wiederhole mich: Was ist das eigentlich für ein Kindergarten?

Dies ist ein Beitrag von „Mann, Kinners!“, dem Väterblog auf NWZonline.de

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