Oldenburg In der vergangenen Woche hatte sich Fritz das erste Mal selbst Besuch eingeladen. Nicht Oma und Opa, nicht den kleinen Cousin oder die Kinder von Freunden der Eltern. Nein, das wird jetzt selbstständig geregelt. Naja, die Mamas sollten sich schon vorher absprechen. Was sie auch taten und so waren ich und meine Frau an einem Nachmittag im Januar plötzlich mit zwei Kindern gesegnet. Dem eigenen und dessen neuen besten Freund.

Wer nun aufgeregter war vor dem großen Tag? Keine Ahnung. Seit Tagen fragten die Kinder schon nach, wann denn nun endlich Freitag sei. Einen Versuch, den Donnerstag kurzerhand zum Freitag umzuwidmen („Nein Papa, HEUTE ist das schon!?“) konnte ich noch rechtzeitig einfangen, aber schließlich war der letzte Tag der Woche gekommen und damit auch die Besuchszeit.

Und es lief sich eigentlich recht sozialverträglich an. Besser als gedacht sogar. Denn wo Fritz, sobald der aus dem Kindergarten kommt, sonst gerne um Aufmerksamkeit bettelt und der Nachmittag wohl geplant sei will, herrschte plötzlich unter den Erwachsenen unverhoffte Untätigkeit. Denn sobald Timo durch die Haustür tritt, sind Mama und Papa abgemeldet. Einfach nicht existent. Doch die Ruhe hielt nicht lange. Ein Drama in drei Akten.

Akt 1 - Auftritt: Der neue Freund

Sie haben sich zwar schon acht Stunden im Kindergarten gesehen, trotzdem ist die Ankunft von Timo ein Ereignis wie Woodstock, Hallescher Komet und y2k auf einmal. Unter lautem Gequietsch und Gekreisch stürmt das Zwei-Mann-Abrisskommando das Kinderzimmer. Plötzlich sitzen meine Frau und ich uns am Tisch gegenüber. „Und bei dir so?“ „Muss ja, nech“. Hach, diese plötzliche freie Zeit, was nur tun? Fritz und Timo haben sich tief ins Kinderzimmer verkrümelt, die Tür geschlossen (sonst eigentlich ein No-go) und bis auf leichtes Gemurmel ist eigentlich nichts zu hören. Und so beratschlagen die Erzeuger über spannende Erwachsenen-Dinge: Müssen/Wollen wir zu XY zum Geburtstag? Welche Lebensversicherung nehmen wir jetzt? Wann ist noch mal dieser Arzttermin und wer geht hin? Oder machen mal kurz Pause.

Oh, welche eine Freude es ist, solch trockene Themen zu besprechen, fällt einem nicht ständig das Kind ins Wort. Ausreden und ausreden lassen ist eben eine weithin unterschätzte Kunstform der Konversation. Und dazu noch eine ganze Tasse Kaffee, die nicht für einen Kurzeinsatz im Kinderzimmer an den unmöglichsten Orten abgestellt, sondern tatsächlich warm getrunken werden kann. Es sind die kleinen Dinge, die das Leben lebenswert machen.

Ein lautes Krachen und Raunen reißt mich aus meiner Lethargie. Das Geräusch von fallenden und rutschenden Kunststoffsteinen auf Laminatboden gefolgt von übertriebenem Kichern öffnet die Szenerie für…

Akt 2 - Eroberungszüge ins Elternschlafzimmer

Waren wir wirklich so taub? Verstohlen erhaschen wir einen Blick ins Kinderzimmer und sehen eine Welt im Chaos. Nicht nur der Kubikmeter Legos verteilt sich sockenfreundlich auf dem Fußboden, auch alle Bücher wurden aus ihrem angestammten Platz im Regal geworfen. Und das Regal selbst ist fast komplett ausgeräumt, steht statt an der Wand mitten im Raum. Klar, sonst wäre dahinter ja auch kein Platz für eine Melange aus Klamotten, Knete und Krokodilen aus Fruchtgummi.

Oh nein, sie haben mich bemerkt. Ein bisschen stolz sind Fritz und Timo ja schon auf das neugestaltete Ambiente, wie sie da auf Spielzeugbergen hocken und mich angrinsen. Doch mit der Tür zum Kinderzimmer habe ich auch die Büchse der Pandora geöffnet, denn im nächsten Moment wirft mich ein losstürmendes Duo zurück. Es gibt ja noch so viele andere Sachen, die man hier machen kann, als nur im Kinderzimmer zu spielen.

Erster Leidtragender ist der Kater. Der macht wohlweislich schon einen großen Bogen um die feucht-klebrigen Kinderhände, wird er doch von Fritz allein schon häufig kräftig am Hals umarmt. Zu zweit treiben die beiden das Tier nun vor sich her, das sich irgendwann nicht mehr anders zu helfen weiß und über mein Bein und den Rücken auf meine Schulter klettert. Gerade noch mal gerettet.

Die Enttäuschung bei den Kindern hält sich in Grenzen, denn nun wird im Elternschlafzimmer richtig aufgedreht. Was sollen denn die Kissen da? Die Klamotten können auch mal wieder auf den Boden! Und diese Schuhe im Regal stehen da auch viel zu geordnet! So schnell wie sie gekommen sind, ziehen sie auch wieder ab und hinterlassen auch hier ein Schlachtfeld. Einmal räume ich auf, doch das Grauen kehrt zurück und knappe zehn Minuten später ist die Situation noch chaotischer als zuvor. Da ist der Blick auf die Uhr und die Erkenntnis, dass es ja nur noch 20 Minuten so gehen wird, echter Balsam für die Seele. Und damit kommen wir zu…

Akt 3 - Die Trennung

Pünktlich steht Timos Mutter vor der Tür. Wie ein Heiland, der große Erlöser. Einzig, die Kinder nehmen sie so gut wie nicht wahr. Denn das Toben geht weiter. Bis ein Machtwort gesprochen wird. Plötzlich wandelt sich das fröhliche Quietschen in bitterliches Klagen. „Nein, jetzt noch nicht!“ „Das waren ja gar nicht zwei Stunden!“ „Ich komm nicht mit!“ Gegenseitig stacheln sich die Zwerge an, wollen sich verstecken oder gleich ganz wegrennen. Nur keine Trennung, schließlich sieht man sich ja erst am nächsten Morgen im Kindergarten wieder. Und so dauert es nur eine gute Viertelstunde hartnäckigen Nörgelns, ehe Timo in Schuhen und Jacke an der Tür steht.

„Das nächste Mal dann bei Euch?!?!“, frage ich vorsichtig und in der Hoffnung, auch mal zwei Stunden Freiheit zu genießen. Ja, das könne man ja dann besprechen, lautet die wenig befriedigende Antwort mit Schlupfloch. Und damit verabschieden sich der neue beste Freund und seine Mutter. Nun also nur noch Aufräumen, da kann Fritz doch mal ordentlich mit anpacken, denken sich Mutter und Vater. Doch das Nachspiel des Besuchs ist noch mal ein Thema für einen ganz anderen Blog…

Dies ist ein Beitrag von „Mann, Kinners!“, dem Väterblog auf NWZonline.de

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