Oldenburg Wenn Stapel von nassen Kinderschuhen langsam anfangen zu müffeln, wenn schweißnasse Haare auf hochroten Köpfen herumirrender Kinder wippen und zerdrückte Pommes an den Socken kleben – dann ist das ein Besuch im Indoor-Spielplatz. An verregneten Sonntagen ist dies manchmal die einzige Chance, dem Nachwuchs den Bewegungsdrang zu ermöglichen, den er braucht. Es ist aber auch: ein Blick in den Schlund der Hölle.

Es ist Sonntagvormittag, 10.30 Uhr. Die Kinder und wir Eltern räumen gerade den Frühstückstisch ab, an Tagen wie diesen lässt man es eher ruhig angehen. Doch meine beiden Jungs haben schon während des Frühstücks durch wiederholtes Aufspringen und gelegentliche Gesangseinlagen im Hochdezibelbereich zu verstehen gegeben, dass sie noch Hunger nach Bewegung haben. Ein Blick nach draußen: Es schüttet. Ein Blick auf die Wetter-App: Das wird sich auch nicht ändern. Was nun?

Juhu, es geht in die Spielhalle

Da klingelt das Telefon. Unsere Nachbarn mitsamt ihrer drei Jungs fragen an, ob wir gemeinsam den Indoor-Spielplatz besuchen wollten. Die Kinder sind begeistert, wir Erwachsenen freuen uns wenigstens auf einen gemeinsamen Kaffee oder Tee, während die Kinder auf eigene Faust die Hüpfburgen und Kletterparadiese erkunden.

Ich liebe diese Spielhallen nicht, für mich sind sie eher Spielhöllen. Zwei-, dreimal im Jahr kann man aber schon einen Vormittag hier verbringen. Das Leuchten in den Augen meiner Kinder lässt mich meine Abneigung vergessen.

In der Halle angekommen, wird meiner Erinnerung lautstark in den Hintern getreten. Ich ziehe gerade meine Schuhe aus, da rennen mir zwei Kinder entgegen – ich glaube, es sind meine eigenen – drücken mir Schuhe und Jacken in die Hand und verschwinden wieder. Ich lege die Schuhe nebeneinander auf den Boden und nehme die Jacken, die genau wie meine nassgeregnet sind, mit in den ersten Stock. Dabei laufe ich besockt über den kräuseligen Teppich, in den seit Jahrzehnten Kaugummis, Essensreste und Erbrochenes von unzähligen Füßen zärtlich einmassiert wurden.

Bild: Imago/Torsten Krüger

Die Fritteusen laufen auf Hochtouren

Wir vier Erwachsenen setzen uns an einen Tisch und packen unser Picknick aus, unter anderem Äpfel und Weintrauben – denn das gibt die Speisekarte in der angeschlossenen Gastronomie nicht her. Dummerweise haben wir auch kleine Salzbrezeln mit, und die sind am schnellsten aufgegessen: Knusprig und salzig geht halt am besten. Das wissen natürlich auch die Betreiber der Gastronomie und setzen daher voll auf fettig, salzig und frittiert. Know your audience!

An unserem und den benachbarten Tischen ist so etwas wie Ruhe zu verspüren. Erwachsene sitzen dort und nippen an ihrem Kaffee, während nur vereinzelt Kinder zum Trinken, Trösten oder Petzen um die Tische wuseln. Fynn kommt jetzt schon zum dritten Mal innerhalb der ersten zehn Minuten mit verweintem Gesicht an: „Eric hat mich gekniffen!“ So fängt es immer an. Ich gehe mit ihm, suche seinen älteren Bruder auf, kurze Erinnerung, doch bitte friedlich miteinander zu spielen, gehe weiter und sehe, wie das vermeintliche Opfer dem mutmaßlichen Täter mit Wonne auf den Rücken schlägt. Nichts anmerken lassen – und schnell zurück zur Tasse Tee an unserem Tisch.

Es folgt eine tatsächlich ernste Krisensituation: Eric (8) und sein Kumpel Max (9) haben sich wohl mit anderen Kindern geprügelt. Max berichtet, wie aus einem vermeintlich absichtlich gestellten Bein eine kleine Keilerei entstand – an dessen Ende die Mutter der anderen Kinder unseren Jungs eine einseitige Standpauke hielt. Man kann solche Situationen, in denen Aussage gegen Aussage steht, eigentlich ohnehin nicht lösen, aber die Schuld einseitig den anderen Kindern zuzuschieben, halte ich für zu einfach. Wie auch immer, jetzt gibt es was zu essen, vielleicht beruhigt das die Gemüter ein wenig.

Geld gespart – Bauch (zu gut) gefüllt

Formidabel, und das meine ich extrem ernst, rechnet mir die Dame hinter der Theke vor, mit welcher Kombination von Pommes-Portionen ich am meisten Geld spare. Ich kehre zurück mit einer gigantischen Schüssel Fritten und fünf kleinen Nuggets, gefüllt mit etwas, was eventuell einmal Huhn war – oder zumindest teilweise. Geld gespart, schön und gut, aber die Portion ist doch etwas zu üppig. Und da Papa einfach kein Essen zurückgeben mag, nimmt er es eben mit dem Mount Fritteuse auf. (Lesen Sie dazu auch das „Mann, Kinners“-Ernährungstagebuch des Grauens!) Unsere Nachbarn fordern mich auf, auch ihre Reste noch aufzuessen. Vergesst es!

Resteessen abgebrochen: Ich kann keine Fritten mehr sehen! Bild: Mann, Kinners

Nach dem Essen rennen die Kinder wieder los in Richtung Hüpfburg. Mit flottem Antritt, aber schlafwandlerisch sicher zwischen den anderen Altersgenossen hindurch. Die nächste Platzwunde liegt in der Luft (die nach Kaffee und Frittenfett riecht) – aber alles geht gut.

Wie junge Mütter feiern müssen

Bei all dem Chaos habe ich noch kurz die Zeit, entgeistert zum Nebentisch zu schauen: Denn dort sitzt eine Handvoll junger Frauen zwischen Sektflaschen und Gemüsesticks. Sie tragen schwarze T-Shirts mit pinken Hosenträgern und Fliegen um den Hals. Ist das tatsächlich ein Junggesellinnenabschied? Oh ja! Die Terminfindung sei schwierig gewesen, und zwei Frauen würden noch stillen – daher seien sie mit ihren Kindern in die Spielhalle gekommen, um zu feiern. Was für ein Junggesellinnenabschied, auf dem der einzige zu erwartende Stripper Windeln trägt und Furzgeräusche macht...

Nach knapp drei Stunden geht es wieder nach Hause. Hauptsache, den Kindern hat’s gefallen! „Na, Eric, wie war’s?“, frage ich. „Blöd“, nörgelt er. Naja, nicht alles, schiebt er noch hinterher. Meine Frau weiß besser als ich, dass unsere Kinder das Haar in der Suppe permanent unters Mikroskop schieben. „Da muss man anders fragen“, sagt sie und legt los: „Fynn, was hat dir heute gut gefallen?“ Und Fynn antwortet mit hervorgeschobener Unterlippe: „Nichts!“

Dies ist ein Beitrag aus „Mann, Kinners“, dem Vater-Blog auf NWZonline.

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