Oldenburg Es ist fünf Uhr am Morgen, als mein innerer Wecker schellt. „Aufstehn!“ lautet die Losung für den Frühdienst in der Onlineredaktion. Und während mein Spiegelbild sich die Zähne putzt fällt mir siedend heiß ein, dass ich ja gar keinen Stress habe, den ich mir morgens regelmäßig selbst mache. Denn seit Montag arbeite ich dort, wo es inzwischen immer mehr Leute tun: aus meinen eigenen vier Wänden. Gezwungenermaßen, denn mit der Schließung der Schulen und Kindergärten standen meine Frau und ich Ende der vergangenen Woche plötzlich, wie so viele, vor einem gewaltigen Betreuungsproblem: Wer passt auf Fritz auf, während Mama und Papa bei der Arbeit sind?

Pumpen, pumpen, pumpen

Glücklicherweise ist mein Job gleichzeitig auch Ausdauertraining für die Gesäßmuskulatur und dieses Fitnessprogramm kann ich auch in den eigenen vier Wänden durchziehen. Also rein in die Jogginghose und dann Pumpen, pumpen, pumpen – bis der Drehstuhl die richtige Sitzhöhe hat.

Noch ist die Situation entspannt: Meine Frau muss erst später zur Arbeit und so ist Fritz fürs erste umsorgt. Wohl auch besser, denn gerade morgens fällt in der Onlineredaktion, auch zu Hause, eine Menge Arbeit an. Gerade in Zeiten wie diesen, in denen Aktualisierungen quasi im Minutentakt reinflattern.

„Komm mal mit!“

Knapp die Hälfte meines Tagespensums habe ich geschafft, als sich meine Frau verabschiedet. Ab jetzt stehen, bzw. sitzen die beiden Männer des Haushaltes allein da. Nun ist Fritz auch sonst schon ein Schnacker, im Angesicht dieser Sondersituation dreht er aber nochmal gesondert auf. „Ähhm, Papaaaaaa?“, starten viele Fragen: „Kannst du mal gucken bei mir im Zimmer?“. Was es dann da zu sehen gebe, möchte ich wissen. „Komm mal mit!“, packt es mich an der Hand und zieht mich vom Bürostuhl weg. Ah ok, Lego. Faszinierend. Ich bewundere die gebauten Flug- und Fahrzeuge, bevor ich mich mit „Papa muss jetzt wieder arbeiten“ vor den PC verziehe.

Noch kümmert es Fritz eher wenig, dass ich zu Hause bin und ihm trotzdem nicht Vollzeit zur Verfügung stehe. Doch die Einschläge kommen näher. Will meinen, die Abstände, in denen Fritz das Büro stürmt, werden kürzer. Gerade allerdings hockt er auf dem Sofa und reißt die mit Klettband befestigten Kissen ab um darunter einen wahren Schatz freizulegen. In jahrelanger Kleinstarbeit dort gelagerte Buntstifte. „Papaaa, hast du einen Anspitzer?“ Habe ich natürlich nicht, zumindest nicht am Mann. Also machen wir uns auf die Suche. Immer im Hinterkopf, nur nicht zu lange dem Arbeitsplatz fern zu bleiben. Einen Anspitzer finden wir natürlich nicht und so verweise ich auf die prall gefüllte Federmappe. Ich bugsiere Fritz an seinen Maltisch und wähne mich in der Annahme, das Kind nun endlich für einige Zeit beschäftig zu haben. Fünf Minuten später wird mir allerdings das erste Meisterwerk präsentiert. Das Gemälde einer Ameise. Die fliegt. Zu meiner Arbeit. Kerr, wat schön.

Natürlich ist das Bild aber nicht für mich, sondern für Mama. Also muss ich noch eine Briefmarke und einen Umschlag suchen, sonst taugt das alles nichts. Gesagt, getan, gefunden. Und der Brief wird abgeschickt in den eigenen Briefkasten.

Herrlich schrecklicher Wissensdurst

So, jetzt ist Fritz endgültig beschäftigungslos. Was gibt’s da besseres, als mal bei Papa bei der Arbeit vorbeizuschauen? Und eh ich mich versehe, sitzt der Nachwuchs auf meinem Schoß und fragt und fragt und fragt. „Warum hast du denn zwei Computer? Warum steht da immer sowas? Was ist das für ein Bild? Was macht der Mann? Warum schreibst du immer so schnell? Kann ich da auch mal schreiben?“ Herrlich, dieser Wissensdurst. Nur, er kommt zu Unzeiten. Denn gerade geht es daran, Newsletter zu schreiben, Social-Media-Diskussionen im Blick zu behalten und nebenher noch zu recherchieren. Passend zum aktuellen Thema kommt Fritz aber jetzt mit Atemmaske und Gummihandschuhen aus seinem Arztkoffer vorbei und will eingekleidet werden. Nun gut, was tut man nicht alles.

Die Fernbedienung ist in Griffweite und ich will schon zum letzten Mittel greifen, da wählt Fritz selbst seine Ablenkung. Also Kinderhörspiel an und für die nächste halbe Stunde ist der junge Mann tatsächlich beschäftigt. Jetzt heißt es Ranklotzen bis auch das Hörspiel nicht mehr fesselt.

Kurz vor Ende der Schicht wird es dann auch Fritz zuviel. Warum ich denn immer noch arbeiten müsse? „Na, damit wir weiter hier wohnen können, was zu essen kaufen und auch mal in den Urlaub fahren“, legt der Rationalist in mir die Tatsachen auf den Tisch. „Uuuooahhhh“, stöhnt das Kind und wirft sich auf meinen Schoß. Es wäre ihm schon lieber, würde ich jetzt mal langsam aufstehen und diese Arbeit Arbeit sein lassen. „Ich bin ja gleich fertig.“

14 Uhr, Übergabezeit: Die Kollegen bekommen eine Nachricht mit den wichtigsten Infos für ihre Schicht. Ich schaue nochmal auf alle Social-Media-Brandherde, aktualisiere den Liveblog und verabschiede mich in den Feierabend. Endlich Zeit für die Familie. „So Fritz, ich bin jetzt fertig. Was willst du denn jetzt machen?“ Er weiß es nicht. Er weiß es doch einfach nicht. Mann, Papa! Der Nachwuchs stapft in sein Zimmer. Er hat jetzt wichtigeres zu tun.

Dies ist ein Beitrag aus „Mann, Kinners“, dem Vater-Blog auf NWZonline.

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